Natur & Garten

Bauernhöfe, wo Menschen aufblühen

Sozial – Auf Green-Care-Bauernhöfen können Menschen den Kreislauf der Natur mittendrin erleben und finden gleichzeitig einen Ort, wo Geborgenheit großgeschrieben wird. Zwei visionäre Konzepte im Mühlviertel zeigen vor, wie ungemein bereichernd der alltägliche Kontakt mit Tieren und der Natur sein kann.

Erdäpfel einlegen, Käfer abklauben und ausbuddeln. Salat anbauen, gießen und genießen. Bäume blühen sehen und reifes Obst pflücken. Alpakas füttern und streicheln. Schafe scheren und Lämmer blöken hören. Das kann man bei den Green-Care-Bauernhö­fen in Österreich. Hier kommen Tiere, Pflanzen und Natur zum Einsatz, um die Lebensqualität der Menschen zu steigern. „Die Green-Care-Zertifizierung ist eine freiwillige Auszeichnung für land- und/oder forstwirtschaftliche Betriebe in ganz Österreich, die Green- Care-Produkte bzw. -Dienstleistungen im Bildungs-, Gesundheits- und/oder Sozialbereich auf ihrem Hof anbieten“, erklärt Silvia Zach von Green Care Österreich. Auch die Landwirtschaftskammer Oberösterreich ist Teil des Vereins und begrüßt die Initiative, mit der neue Einkommensmöglichkeiten für landwirt­schaftliche Betriebe geschaffen werden.

Innovative Vision vor Augen

Denn die Marktsituation für land- und forstwirtschaftliche Betriebe wird immer schwieriger. Seit dem EU-Beitritt 1995 ist ein Rückgang dieser um 30,4 Pro­zent zu verzeichnen (Agrarstrukturerhebung 2013, Statistik Aus-tria). Aus diesem Grund müssen gerade kleinere bäuerliche Familienbetriebe ihr Potenzial am Hof durch innovative Formen nutzbar machen, um weiterbestehen zu können. Doch mit einer erfolgreichen Betriebsstrategie, fundierter Ausbildung und einem klaren Ziel lassen sich Erfolgsprojekte umsetzen. Zwei Bauernhöfe im Mühlviertel, die dies vorzeigen, sind unmittelbar vor dem Abschluss der Green-Care-Zertifizierung: Franzlhof in Pregarten, der Kinderbetreuung in Kombination mit Tiergestützter Intervention anbietet, und Alpakapoint Pointner in Windhaag bei Freistadt mit dem Schwerpunkt Tagesstruktur für ältere Menschen. Hinter beiden Betriebskonzepten ste-
hen Frauen mit einer großen Vision vor Augen.

„Schnupfen darf bei uns kein Problem sein“

Bettina Haas ist bereits seit gut 20 Jahren als Kindergärtnerin tätig. Es war ihr immer schon ein Bedürfnis, die Natur in den Alltag der Kinder einzubinden. Doch die Praxis zeigte: Oft sind nur Mo­menterfahrungen möglich. „Die Vi­sion musste reifen, um sie in den Einklang mit der Realität bringen zu können“, so Haas. Der landwirtschaftliche Betrieb ihres Mannes machte es ihr schließlich möglich. Im Juni 2007 konnte sie den Kindergarten „Franzlhof“ mit zwölf Kindern eröffnen. Heute beschäftigt sie sieben Personen, die 36 Kinder in zwei Gruppen betreuen. Um einen Platz zu erheischen, kommen die Mamas bereits, wenn sie schwanger sind. Doch sicher ist nichts: „Wir stellen uns auch die Frage, ob die Eltern in unser pädago­gisches Konzept passen. Schnupfen darf bei uns kein Problem sein“, bekräftigt die Leiterin. Die Kinder erleben Natur und Landwirtschaft pur. Jeden Tag gibt es einen Tierschwerpunkt. Da werden Lamas betreut, Schafe geschert, Kaninchen gestreichelt. Stets wird versucht, einen Bezug zum ökologischen System herzustellen. Erd­äpfelkäfer werden abgeklaubt, Käferbäume im Wald gesucht. „Bei uns wissen die Kinder, dass Schneefall für blühende Apfelbäume ein Problem sein kann“, so Haas.

„Unsere Leute sollen die Natur spüren“

Renate Pointner hatte schon immer die Idee, am Land für ältere Menschen etwas zu schaffen. Nach gut 20 Jahren Berufserfahrung brachte die gelernte Krankenschwester gemeinsam mit Ehemann Gottfried ihre Landwirtschaft auf neue Standbeine. Heute sind Beruf und Hobbys für beide am landwirtschaftlichen Betrieb integriert. Neben einer Viel­zahl an Angeboten wie Alpakawanderung, Tiergestützte Intervention mit Al­pakas, Ziegen und/oder Kaninchen wird seit 2016 am Hof Tagesbetreuung für Senioren und Menschen mit besonderen Bedürfnissen angeboten. Das alles funktioniert gemeinsam mit dem Tageszentrum Freistadt in Ko­operation mit dem Sozialhilfeverband. Ein wunderschön umgebauter Stalltrakt bietet derzeit an zwei Tagen die Woche für bis zu acht Tagesgäste ein Heim. Umgeben sind diese von Alpakas, Ziegen, Ochsen, Kaninchen und Katzen, alles eingebettet in den Erlebnisräumen Wald, Wiese und Bach. Durch eine Glasfront können die Pflegebedürftigen die Tiere beobachten. Doch das Wichtigste ist der Hautkontakt. „Tiere nehmen viel Arbeit ab. Das Beobachten der Wiederkäuer besänftigt unruhige Menschen. Das Kaninchen am Schoß schenkt Zuneigung und Wärme – Grundbedürfnisse des Menschen“, erzählt Pointner. Gleichzei­tig werden die pflegenden Angehörigen entlastet, denn der Kontakt zu den Tieren wirkt sich längerfristig positiv auf den Gemütszustand der zu Pflegenden aus. Jene, die noch körperlich fit sind, bearbeiten Hochbeete, schaufeln Schnee oder graben Erdäpfel aus. „Kürzlich wa­ren wir im Kornfeld, um Hafer für die Erntekrone zu schneiden“, so Pointner, denn „unsere Leute sollen die Natur spüren“.

Beide Betriebe bestätigen den Green- Care-Slogan: Hier blühen Menschen auf. Und das geschieht tagtäglich auf österreichischen Bauernhöfen, die ihr ganz spezielles Potenzial für neue und innovative Green-Care-Angebote nutzen.

Konsumentenzeitung, 29.08.2017

Bildquellen

  • Kind: Haas

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