Bittere Lügen des süßen Honigs

Täuschung – In China wird Honig vermutlich gefälscht. Auch nach Österreich können derartige Produkte gelangen.

Honig gilt als Naturprodukt schlecht­hin. Rein, unbehandelt, unverfälscht. Gemacht von kleinen, fleißigen Lebewesen namens „Apis mellifera“, wie die Honigbiene in der Wissenschaft heißt. In der EU-Richtlinie ist er als „natursüßer Stoff“ definiert, der von Bienen erzeugt und dem nichts genommen und nichts hinzugefügt wird. Der echte Honig ist aber gefährdet. Gefälschter Honig vor allem aus China überschwemmt den Weltmarkt. Dieser findet sich (wahrscheinlich) in Honiggläsern mit der Aufschrift „Mischung von Honig aus EU-Ländern und Nicht-EU-Ländern“ wieder.

Honig aus der Fabrik

China ist der mit Abstand größte Honigproduzent weltweit. 474.000 Tonnen des süßen Stoffs hat das Land 2014 erzeugt, fast doppelt so viel wie noch 2001 (siehe Landkarte). Die EU liegt auf Platz zwei, die Türkei auf Platz drei. Auch beim Export liegt China an der Spitze. 2016 hat China 128.000 Tonnen Honig exportiert. „Das sind unverhältnismäßig hohe Mengen. Die können nicht aus der Bienenzucht stammen“, sagt Walter Haefeker, Präsident des europäischen Berufsimkerverbandes. Die Anzahl an Bienenvölkern passt mit der erzeugten Honigmenge schlicht nicht zusammen.

Einen Teil der Erklärung findet man in den chinesischen Honigfabriken. „Die sehen aus wie Brauereien“, sagt Haefeker, der selbst schon eine besucht hat. Dorthin werde unfertiger Honig gebracht und getrocknet. Zur Erklärung: Bei echtem Honig wird der Nektar durch die Bienen über den Rüssel aufgesaugt und ausgespuckt. Dadurch sinkt der Wassergehalt auf notwendige 18 Prozent. Zudem wird dabei der Honig mit Enzymen angereichert. Das kostet die Bienen Zeit und Arbeitsleistung.

„In China hat man dieses Problem gelöst, indem man den Honig maschinell in Fabriken trocknet. Diese Betriebsweise lässt auch zu wenig Zeit, um genug Enzyme einzubringen. Diese Substanzen, auf denen die gesundheitlichen Wirkungen basieren, fehlen dem chinesischen Honig“, erklärt Haefeker. Dem zweiten Teil der Erklärung liegt der Verdacht der Honig-Experten zugrunde, dass der Honig im großen Stil mit Reissirup gepantscht wird.

Also einfach auf Honigimporte aus China verzichten? Nicht einmal das würde wahrscheinlich verhindern, dass derartiger Honig nach Europa kommt. Norberto Garcia, Präsident der Vereinigung der internationalen Honigexporteure, hat sich die Warenströme angeschaut. Seine These: Chinesischer Honig wird auch über die Ukraine, Vietnam, Indien oder Thailand verkauft – unter falscher Kennzeichnung. Zahlen unterstreichen diese Vermutung. So sind die Exportzahlen dieser Ostländer in den vergangenen Jahren sprunghaft angestiegen. Eine vergleichbar wachsende Anzahl an Bienenvölkern gab es aber nicht. Die Honigexporte Thailands haben sich nach Garcias Recherchen außerdem in den vergangenen Jahren in fast genau dem Maße erhöht wie Thailands Honigimporte aus China.

Billiger Honig ist oft gefälscht

Honig ist weltweit das am dritthäufigsten gefälschte Produkt. In der EU liegt der süße Stoff auf Platz sechs der gefälschten Lebensmittel. 1,4 von zehn Honigproben sind einer EU-Analyse aus 2016 zufolge verfälscht. Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich aber viel höher. Der Nachweis ist schwierig, weil ständig neue Wege der Verfälschung beschritten werden. „Es kommt drauf an, wie gut gepantscht ist“, bringt es Walter Haefeker auf den Punkt.

Große Hoffnungen setzt man in die NMR-Methode (Kernspinresonanzspekt­roskopie). Damit können Verfälschungssubstanzen relativ sicher nachgewiesen werden, oder wie Haefeker es formuliert: „Diese Methode ist für Fälscher am schwierigsten zu umgehen.“ In Österreich wird laut der Agentur für Ernährungssicherheit (AGES) die NMR-Methode noch nicht routinemäßig angewandt, für heuer ist aber eine Schwerpunktaktion geplant. Auf deren Ergebnisse darf man gespannt sein.

Woran man gefälschten Honig sonst erkennt? „Am Preis“, sagt Haefeker, „je billiger der Honig ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.“ Ein Kilo Honig, das von China in die EU importiert wird, kostete im Jahr 2017 durchschnittlich 1,51 Euro. Beim Export aus der EU nach China kostete ein Kilo durchschnittlich 5,23 Euro.

Honig in österreichischen Regalen

Der Preis ist auch für den Konsumenten die einzige Möglichkeit, gefälschten Honig zu identifizieren. 13 bis 14 Euro je Kilogramm kostet ein Glas österreichischer Honig. „Importierter Honig dagegen die Hälfte oder noch weniger“, sagt Haefeker.

Das Etikett ist wenig aufschlussreich. Handelt es sich nicht um „Honig aus Österreich“, wird die Bestimmung der Herkunft quasi unmöglich. Laut Honigverordnung ist zwar das Ursprungsland anzugeben. Liegt der Ursprung aber  in mehr als einem EU-Mitgliedsland oder Drittland, kann zwischen drei Bezeichnungen gewählt werden: „Mischung von Honig aus EU-Ländern“, „Mischung von Honig aus Nicht-EU-Ländern“ und „Mischung von Honig aus EU-Ländern und Nicht-EU-Ländern“. Letztere beiden heißen nur, „dass der Honig nicht vom Mars kommt“, sagt Haefeker.

Aus welchem Land der Honig stammt, wissen demnach wohl nur Einkäufer und Abfüller und diese berufen sich auf die Kennzeichnungsrichtlinien. Bei Rewe – zu dem Billa, Merkur und Adeg gehören – stammt der Honig der Eigenmarken zu 46 Prozent aus Österreich. Die Herkunftsländer außerhalb Österreichs könne man nicht pauschal benennen, meint Pressesprecher Paul Pöttschacher, „da die Herkunft von der aktuellen Rohstoffsituation und Ernte abhängt“. Jeder Lieferant für die Eigenmarken müsse aber eine IFS-
Zertifizierung (International Food Standard) nachweisen und zudem gebe es einmal jährlich eine Kontrolle durch ein akkreditiertes Prüfinstitut. Honig aus China wird laut Pöttschacher nicht bezogen.

Hofer gibt keine Auskunft über den Anteil österreichischen Honigs in den Eigenmarken. Bei der Angabe von Herkunftsländern ist China zwar nicht vertreten, wohl aber – neben anderen – Thailand, Ukraine oder Vietnam. Allerdings führt Hofer laut Auskunft das NMR-Screening durch. Wenig auskunftsfreudig ist man bei Spar. Konkrete Zahlen oder Herkunftsländer werden nicht genannt. Chinesischer Honig ist laut Unternehmenssprecher Lukas Sövegjarto in keiner Spar-Eigenmarke zu finden. Gar keine Auskunft – weder zum österreichischen Anteil noch zu Herkunftsländern – bekommt man bei Österreichs größtem Honigabfüller
„Honigmayr“. Beim Honigmarktführer „darbo“ stammen 26 Prozent des in Österreich verkauften Honigs aus
österreichischer Ernte. Bei den weiteren Herkunftsländern findet man in den Unternehmensangaben keine der Ostländer, es gäbe aber Honig-Spezialitäten wie „Lindenblütenhonig aus Südosteuropa“. Die Frage nach einer (freiwilli­gen) exakteren Kennzeichnung beantworten alle ähnlich: Unterschiedliche verfügbare Honigmengen hätten eine unterschiedliche Zusammensetzung der Herkunft von Charge zu Charge und damit wechselnde Herkunftsangaben am Etikett zur Folge.

Billiger Honig-Import drückt die Preise

Walter Haefeker lässt solche Aussagen nicht ganz gelten, wobei er aber kein Un­ternehmen direkt angreift. Wenn etwas nicht nachweisbar ist, sei das den Supermärkten nur recht. Alleine an einem niedrigen Preis wäre für Supermärkte aber erkennbar, wie der Honig hergestellt wurde. Von exportierenden Firmen habe Haefeker etwa gehört, „dass die Einkäufer genau wissen, was sie um diesen Preis bekommen“. Fakt ist jedenfalls, dass Österreich Honig aus China importiert (2016: knapp 600 Tonnen, siehe Grafik) und irgendwo muss der sich wiederfinden.

Die Politik hat das Thema aufgegriffen. Auf EU-Ebene wurde Anfang März eine Resolution verabschiedet, die eine bessere Kennzeichnung auf Honigetiketten sowie Maßnahmen zur Verbesserung der Prüfungsverfahren fordert. Der oberösterreichische Agrarlandes­rat und Bauernbundobmann Max Hiegelsberger hat im April Walter Haefeker nach Österreich eingeladen, um Bewusstseinsbildung für das Thema zu schaffen. „Den Honigfälschungen muss ein Riegel vorgeschoben werden. Außerdem braucht es eine exaktere Kennzeichnung. Der Konsument hat ein Recht darauf zu wissen, was im Honigglas drinnen ist.“

Nicht nur dass das Image des Honigs unter dieser mehr als fragwürdigen Herstellungspraxis leidet. „Wenn billiger Weltmarkthonig eingeführt wird, der nicht zu gleichen Bedingungen produziert wurde, untergräbt das die Wirtschaftlichkeit der europäischen Imker“, sagt Haefeker. Imker gibt es in Österreich und in der EU ohnehin zu wenig. Der Selbstversorgungsgrad von Honig liegt in Österreich je nach Jahr zwischen 40 und 50 Prozent. In Europa liegt der Selbstversorgungsgrad bei etwa 60 Prozent.

„Es muss also importiert werden“, so die auf den ersten Blick logisch erscheinende Meinung und Aussage von Handel und Honigerzeugern. Haefeker bringt dazu eine andere Sichtweise ein: „Man kann auch sagen, dass die Versorgungslücke erst entsteht, weil der billige Honig-Import die Preise drückt und die europäische Honigproduktion unwirtschaftlich macht.“ Leisten könnten sich die Österreicher den teureren inländischen Honig vermutlich. Denn der Ho­nigverbrauch liegt lediglich bei 1,4 Kilo­gramm pro Kopf und Jahr.

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