Lein: Kleines Korn mit großer Wirkung

Vielfalt – Wo eine fast vergessene Kulturpflanze ihre Renaissance erfährt.

„Willst du deine Tochter verheiraten, so säe zwei Aren Lein.“ Dieses alte, bäuerliche Sprich­wort spiegelt die Verwurzelung des Leins in unserer Kultur wider. Der Lein zählt zu den ältesten Kulturpflanzen, deren Nutzung sich bis 8000 v. Chr. in klimatisch gemäßigten Regio­nen Afrikas und Asiens nachweisen lässt. In Europa war der Lein schon der bäuerlichen Kultur der Jungsteinzeit zu den Anfängen des Ackerbaus bekannt. Griechen, Römer und Germanen verar­beiteten Lein zu feinen Stoffen und nut­zten Samen und Öl als Nahrungsmittel. Schon früh erkannte man auch die heilsame Wirkung des Leins, wie aus den Schriften des griechischen Arztes Hippokrates und später auch von Hildegard von Bingen überliefert ist. In Österreich baute man Lein bereits im Mittelalter sowohl für die Faser- als auch Ölgewinnung an. Im 16. und 17. Jahrhundert war vor allem das oberös­terreichische Mühlviertel ein bedeuten­des Leinanbaugebiet und wichtiger Pro­duzent von Leingewebe und Leinöl.

Gesunde Fettsäuren mit Mehrwert

In der menschlichen Ernährung zeigen die kleinen, braunen Samen, was in ihnen steckt. Leinsamen liefern ein breites Spektrum an gesundheitsfördernden Nährstoffen, wie gesunde Fette, Antioxidantien, B-Vitamine, Ballaststoffe, Proteine, Kalium und eine Gruppe der Phytoöstrogene, die sogenannten Lignane. Aufgrund seiner Eigenschaften wird der Lein deshalb in der Medizin und der Volksheilkunde eingesetzt.

In der Lebensmittelindustrie wird nur ein geringer Prozentsatz direkt als Reformkost, in Müsli oder in Backwaren genutzt. Der überwiegende Teil kommt in der Ölgewinnung zum Einsatz. Das süßlich-nussig schmeckende Öl wird durch Extraktion oder Pressen gewonnen. Besonders schonend sind die Kaltpressverfahren, bei denen die Ölausbeute mit 30 Prozent zwar relativ gering ist, jedoch der typische Geruch sowie alle hochwertigen Inhaltsstoffe erhalten bleiben. Leinöl enthält mehr als 90 Prozent ungesättigter Fettsäuren. Dieser Lebensmittelschatz birgt einen immens hohen Anteil an Omega-3-Fettsäuren, was in so hoher Konzentration in keinem anderen Speiseöl zu finden ist. Reichlich enthalten ist auch Linolensäure (Omega-6-Fettsäure) – beide sind für die menschliche Ernährung essenziell, da der Körper sie nicht selbst herstellen kann. Ein bedeutsames in Leinöl enthaltenes Vitamin ist das Tokopherol (Vitamin E). Dieses fettlösliche Antioxidans schützt die Zellmembranen vor schädlichen, freien Radikalen.

Lein als industrieller Rohstoff

Das Leinöl wird aber nicht nur als Speiseöl, sondern aufgrund seiner schnellen Trocknungsfähigkeit auch industriell in Farben und Lacken sowie Kosmetika und diversen Pflegeprodukten genutzt. Der als Nebenprodukt anfallende Leinschrot und Leinkuchen findet wegen seines hohen Proteingehalts als Tierfutter Verwendung: Als Faserlein ist der Lein wegen seiner robusten und vielseitig einsetzba­ren Bastfasern des Stängels gefragt. Bei der aufwändigen Verarbeitung der Fa­sern werden die Flachsstängel zunächst geröstet, wobei es sich um eine Zersetzung durch Mikroorganismen im Wasser oder am Feld liegend handelt. Die hochwertigen Langfasern sind aufgrund ihrer Länge und Reißfestigkeit besonders wertvoll und machen sie vor allem für die Herstellung verschiedenster Textilien interessant.

Die für die Textilverarbeitung eher uninteressanten Kurzfasern werden für technische Zwecke wie zum Beispiel für Dämm- und Verbundwerkstoffe, Baumaterial und Zellstoff verwendet, wo sie sich als ökologisch unbedenkliche Rohstoffe einer steigenden Nachfrage erfreuen.

Hier kommen Sie zum Bildstreifen:

Konsumentenausgabe, 29.11.2016

Bildquellen

  • Lein: Fotolia - Printemps

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