Wer bestimmt, was wir essen?

Regional – Lebensmittelversorgung und Ernährungspolitik zurück in die Verantwortung der Gemeindebürger bringen. Das will die Initiative „Ernährungsräte“ von Landesrat Max Hiegelsberger. Gemeinden und Bürger sind zum Mitmachen aufgerufen.

Was haben Athen, New York, Köln und Berlin, was Oberösterreich (noch) nicht hat?  Genau: Ernährungsräte. Sie nehmen das Ernährungssystem vor Ort unter die Lupe mit dem Ziel, etwas zum Besseren zu verändern und einen Wandel zu bewirken. In den großen Städten haben sich solche Initiativen entwickelt, weil „die Menschen selbst keinen Einfluss mehr auf ihre Lebensmittelversorgung und den Kontakt zu den Lebensmitteln verloren haben“, heißt es zum Beispiel bei den deutschen Ernährungsräten.

„Die Lebensmittelindustrie bestimmt zu viel“

Ein solches Projekt will Oberösterreichs Agrarlandesrat Max Hiegelsberger gemeinsam mit Bio Austria auch in Oberösterreich umsetzen – und zwar nicht nur in den Städten, sondern in allen Gemeinden, die in punkto Lebensmittelversorgung etwa bewegen wollen. Möglichkeiten dazu gibt es genug: Zum Beispiel mehr regionale Speisen in Schulküchen oder bei Vereinsfesten anbieten, Gemeinschaftsgärten anlegen, um etwas über den Gemüseanbau zu lernen, einen Dorfladen installieren, wo es Produkte der regionalen Landwirte zu kaufen gibt, oder „Schule am Bauern­hof“-Tage forcieren, um einen Blick hinter die Kulissen der Landwirtschaft zu werfen. „Was und wie wir essen, wird heute viel zu häufig von den Managern der Lebensmittelindustrie und des -handels bestimmt“, sagt Hiegelsberger, „rücken wir wieder ein Stück zusammen und bringen wir das Thema Ernährung zurück in unsere Gemeinden zu unseren Bürgern.“

Was macht ein Ernährungsrat?

Grundsätzlich ist ein Ernährungsrat ein Arbeitskreis, der alle Akteure des lokalen Lebensmittelsystems einbindet und die Bedürfnisse der Gemeinde miteinbezieht. Das heißt: Landwirte sitzen gemeinsam mit Verbrauchern, Händlern, Gastronomen, Vereinen und Politikern an einem Tisch und nehmen das Ernährungssystem in der Gemeinde oder Region unter die Lupe. Ernährungspolitik soll damit dort gemacht werden, wo Lebensmittel angebaut, geerntet, gekauft und gegessen werden.

Den ersten Ernährungsrat gibt es bereits in Pennewang. Bio-Austria-Oberösterreich-Obmann Franz Waldenberger ist dort Bürgermeister: „In unserer Gemeinde gibt es viele ernährungsbewusste Menschen, die Wert auf gesunde und regionale Lebensmittel legen. Mein Anliegen war es, diese Menschen zusammenzubringen, um neue Akzente in der Gemeinde zu setzen und die Bewusstseinsbildung beim Thema Ernährung in der Bevölkerung zu stärken.“

Ernährungssouveränität zurückgewinnen

Dass sich die Menschen wieder stärker für ihr Essen interessieren, steht fest. Essgewohnheiten dienen oft sogar der Identifikation. Dennoch haben regi­onale Kreisläufe an Bedeutung verloren. Globalisierung und Industrialisierung haben dazu geführt, dass Lebensmittel  rund um den Globus transportiert werden und Saisonalität von Obst oder Gemüse obsolet geworden ist. Auch dagegen sollen die Ernährungsräte einen bewussten Kontrapunkt setzen und einen „Systemwechsel hin zur Ernährungssouveränität herbeiführen“, sagt Waldenberger.

Denn Ernährungssouveränität bezeichnet in seiner Definition als politisches Konzept anlässlich der Welternährungskonferenz 1996 „das Recht aller Völker, Länder und Ländergruppen, ihre Landwirtschafts- und Ernährungspolitik selbst zu definieren“.

Konsumentenzeitung, 29.08.2017

Bildquellen

  • Grafik Essen: Lust aufs Land/Fleischanderl

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