Wie Kinder schmecken lernen

ESSEN – Die Geschmacksentwicklung ist ein Prozess, der sich über viele Jahre zieht. Kinder brauchen viel Zeit, um verschiedene Lebensmittel und Speisen kennen und mögen zu lernen. Eltern brauchen im Gegenzug meist viel Geduld und Zuversicht.

Nudeln nur ohne Soße und wehe der Reis ist mit Gemüse vermischt: Wer kleine Kinder hat, kennt die kleinen und größeren Dramen, die sich mitunter am Esstisch abspielen. Wenn das kindliche „mag ich nicht!“ die Antwort auf alles ist, was man an Essbarem anbietet. Doch egal, wie lange und mit wieviel Liebe man vorher alles zubereitet hat – die Verweigerung des Kindes sollte man keinesfalls persönlich nehmen oder gar als Boshaftigkeit empfinden.

Eltern brauchen Zuversicht, Gelassenheit und Geduld

„Die wichtigste Grundeinstellung von Eltern ist, sich mit Gelassenheit, Zuversicht und Geduld zu imprägnieren“, sagt Veronika Klinger. Sie ist Diä­tologin bei der Oberösterreichischen Gebietskrankenkasse (OÖGKK), wo sie auch Vorträge zum Thema Geschmacks­entwicklung und Geschmacksprägung bei Kindern (siehe Infokasten rechts) hält. „Es wird schon irgendwann
werden“ – diese Einstellung meint Klinger, wenn sie von Zuversicht spricht. Und Geduld auch deshalb, weil Geschmacksentwicklung ohnehin ein Leben lang stattfindet. „So schnell wie im Kindesalter geht es später nicht mehr, aber bis zum 20. Lebensjahr hat man schon Zeit, den Kindern eine Basis und das nötige Rüstzeug wie Kochkenntnisse mitzugeben“, sagt Klinger.

Um etwas zu mögen, muss man es auch oft essen

Mit dem Schmecken geht es bereits vor der Geburt los, danach über die Muttermilch (siehe Infokasten Entwicklung). Richtig interessant wird es, wenn ein Kleinkind zu essen beginnt. „Durch die direkte Aromafülle im Mund tun sich völlig neue Geschmackswelten auf. Langsames Vorgehen ist wichtig, sonst wird das Kind regelrecht überrumpelt“, sagt die Diätologin. Man habe mehrere Jahre Zeit, um ein Kind immer wieder an neue Lebensmittel heranzuführen.   Bis man etwas mag und in sein persönliches Geschmacksrepertoire als wohlschmeckend aufnimmt, ist es ohnehin ein weiter Weg. Das Gehirn muss die einzelnen Aromastoffe erst im Langzeitgedächtnis abspeichern. „So baut sich jedes Kind sein sicheres Geschmacksgedächtnis auf“, sagt Klinger. Je öfter etwas gegessen wird, desto vertrauter ist es. Das bedeutet Sicherheit – und heißt dann durchaus „Lieblingsspeise“. „Essen hat auch sehr viel mit Emotionen zu tun. Wird ein bestimmter Geschmack mit einem angenehmen Gefühl verbunden, ergibt das einen angenehmen Geschmack“, sagt Klinger. Der Kakao von Oma schmeckt durch die Extra-Fürsorge noch besser und prägt sich positiv ein. So entstehe der viel zitierte „Geschmack der Kindheit“, den man bis ins Erwachsenenalter mitnehmen kann.

Im Alter von zwei bis sieben Jahren kann die Angst vor Unbekanntem, wissenschaftlich als Neophobie bezeichnet, das Thema Essen schwierig machen. Zu Urzeiten hatte die extreme Vorsicht eine Schutzfunktion für den Menschen. Heute wäre diese nicht mehr nötig, ist aber trotzdem noch in mehr oder weniger ausgeprägter Form vorhanden. „Immer wieder anbieten, ohne Druck und ohne Zwang“, rät die Diätologin betroffenen Eltern. Und wieder: Geduld, Zuversicht, Gelassenheit – in Dauerschleife. „Etwas Neues muss ich fünf- bis sechsmal kochen, bis das Kind vielleicht einmal kostet. Und dann wieder zehn- bis zwölfmal, bis es in das Repertoire akzeptierter Speisen aufgenommen wird“, sagt Veronika Klinger. Pickt das Kind zum Beispiel aus einem Gemüseauflauf erst nur die Kartoffeln heraus, sei das völlig in Ordnung. Was zählt, ist auch die Vorbildwirkung durch die Eltern und andere Kinder.

Goldene Regel für das Familienessen

„Was in der Familie üblich ist, ist der künftige Grundstock an Essensnormalität für das Kind beziehungsweise späteren Erwachsenen“, sagt Klinger. Als goldene Regel empfiehlt die Expertin: Die Eltern entscheiden, was gekocht wird, wann gegessen wird und wie man sich am Tisch benimmt. Die Kinder entscheiden, was und wie viel davon sie essen. Eine angenehme Atmosphäre am Esstisch sei wichtig, ständige Kritik daher zu vermeiden.

Weitere Tipps und Anregungen

  • Süßes nicht als Belohnung einsetzen, generell mit Essen nicht bestechen.
  • Nicht mit der Begründung „das ist aber gesund“ argumentieren, wenn etwas nicht schmeckt – das wertet Gesundes ab.
  • Kinder sollten zuerst den Geschmack von Erdbeeren kennen lernen, bevor es etwa Pudding mit Erdbeergeschmack gibt.
  • Besonders „heikle“ Kinder öfter auswärts und in Gesellschaft von anderen Kindern essen lassen.
  • Für besondere Anlässe das Essen lustig und originell aufbereiten, generell aber Lebensmittel in möglichst natürlicher Form zubereiten.
  • Darauf vertrauen, dass ein Kind nicht gleich Mineralstoff- und Vitaminmängel bekommt.

Entwicklung

Erste Geschmackseindrücke erfährt bereits das ungeborene Kind im Mutterleib, nachdem sich die Geschmacksknospen gebildet haben und sich ab der 28. Schwangerschaftswoche auch der Geruchssinn entwickelt. Ein Neugeborenes schmeckt süß, sauer und bitter, der salzige Geschmack wird etwa mit vier Monaten wahrgenommen. Mit drei Jahren können Kinder das volle Geschmacksspektrum erfahren, bis zum Erwachsenenalter ersetzen Gewohnheiten genetische Vorgaben. Schließlich kann sich der Geschmack auch durch Alterungsprozesse verändern.

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