Wir sind, was wir essen: Modetrend Ernährung

Warum sich unser Essverhalten ändert und was es über uns aussagt.

Die Art, wie wir uns ernähren, sagt viel mehr über unsere Persönlichkeit aus als die Kleidung, die wir tragen.“ Das stellt die bekannte Ernährungswissenschafterin und Foodtrend-Forscherin Hanni Rützler im „Food Report 2016“ fest. Hatte Ernährung früher genau einen Zweck, nämlich satt zu werden, wird sie heute zunehmend zu einem Indikator unserer Persönlichkeit. Die Wahl des Essens bestimmt, wie ich bin, wie ich sein möchte oder wie ich von anderen wahrgenommen werden will. Was nach Philosophie und Selbsterfahrung klingt, kommt in den Ernährungstrends zum Ausdruck.

Es geht um Individualität

Von „vegan“ bis „flexitarisch“, von „Paleo“ bis „Clean Eating“, von „Superfood“ bis „frei von“. Ernährungstrends sind sprichwörtlich in aller Munde. Zentraler Treiber dafür ist die Individualisierung – so die Kernaussage eines Artikels über das „Essen von morgen“ des renommierten deutschen „Zukunftsinstitutes“. Individualität sei demnach die „Freiheit zur Wahl“, selbstbestimmt zu entscheiden, wie und wo man lebt, welchen Beruf man ergreift, wo man sich engagiert und letztendlich eben auch was, wann, wie und wo gegessen wird.

War die Auswahl der Nahrungsmittel früher eher bescheiden und auch die Leistbarkeit ein Thema, steht man heute vor vollen Regalen mit Produkten zu erschwinglichen Preisen. Der Konsument hat die Wahl – und kann mit seinem Essen zeigen, was ihm wichtig ist und mit welchen Werten er sich identifiziert. „Nahrung wird zunehmend zum Werkzeug der Selbstverwirklichung und Selbstdarstellung. Essen wird als Mittel zur Selbstbeschränkung, der Persönlichkeitserweiterung, der Weltverbesserung oder auch der Provokation eingesetzt“, heißt es vom Zukunftsinstitut. „Was man isst, sagt künftig genauso viel über den Menschen aus wie das, was man nicht – mehr – isst“.

Von flexitarisch bis clean

Beispiele dafür sind etwa „Clean Eating“, „Paleo“ oder „Raw Food“ (siehe unten). Das Motto dieser Ernährungstypen: Zurück zur Natur, zurück zur Ursprünglichkeit, zurück zu den Wurzeln unserer Ernährung. Kritik an der Lebensmittelindustrie inklusive. Einen wahren Boom erleben die „frei von“-Ernährungsstile: Frei von Laktose, frei von Fruktose, frei von Gluten. Die Nachfrage nach diesen Produkten ist viel größer, als es die Anzahl der tatsächlich von Intoleranz oder Unverträglichkeit Betroffenen vermuten ließe. Ein wachsender Konsumententyp ist der „Flexitarier“, also der „flexible Vegetarier“. Diese Menschen essen wenig beziehungsweise nur selektiv Fleisch – aus gesundheitlichen Gründen, aber auch weil ethische Gründe gegenüber Tier und Umwelt stärker in den Vordergrund rücken. Freilich darf man solche „Strömungen“ nicht überbewerten. „Die Mehrheit ist beim Essen noch immer sehr klassisch unterwegs. Die breite Masse erreichen diese Trends nicht“, analysiert Marlies Gruber vom „Forum ernährung heute“ in einem Artikel über Ernährungstrends.

Essen wird zur Weltanschauung

Die eigene Gesundheit spielt bei allen Ernährungsstilen eine Rolle. „Darin ist auch ein egoistischer Ansatz zu finden“, sagt Martin Greßl, Leiter des Qualitätsmanagements der Agrarmarkt Austria (AMA), „man will sich selbst etwas Gutes tun.“ – auch wenn sich die Vorteile für die eigene Gesundheit nicht immer wissenschaftlich belegen lassen. „Darum geht es im Kern auch nicht“, sagt Henry Jäger, Professor am Institut für Lebensmitteltechnologie an der Universität für Bodenkultur Wien. Nicht das Produkt selbst stehe im Mittelpunkt, sondern seine Rahmenbedingungen und damit vermittelte Wertvorstellungen. Das sehe man beispielsweise beim Trend zu Bio und Regionalität. Außerdem werde versucht, durch diese Ernährungsstile eine Art Qualitätsgarantie zu erlangen, sagt Jäger: „Der Konsument ist in der Fülle der Lebensmittel verunsichert. Dazu kommen Meldungen über Lebensmittelskandale und ein ohnehin schlechtes Image der Lebensmittelindustrie.“

Vielfach ergeben diese Ernährungsmuster aber eine Möglichkeit der Abgrenzung. „In einer Welt ohne Grenzen, einer Welt der Beliebigkeit und Nicht-Mehr-Überschaubarkeit sind wir auf der Suche nach Halt und Sinn“, analysiert Thomas Ellrott vom Institut für Ernährungpsychologie der Universitätsmedizin Göttingen in einem Vortrag vor Ernährungswissenschaftern. Die Ernährung biete hier eine Form der Identifikation. Ellrott: „Extravagante Ernährungsstile sind starke soziale Tattoos.“

Ob die Trends nur kurzfristige Moden sind oder zum Charakteristikum der Ernährung von morgen werden, wird sich zeigen. Dass die Ernährung aber einem Wandel unterliegt, belegt unter anderem die Zukunftsstudie von Nestlé, die 2015 in Deutschland durchgeführt wurde. Diese zeichnet fünf Szenarien zur Ernährung der Deutschen für das Jahr 2030. Am wahrscheinlichsten ist dabei die Kombination aus gesunder Ernährung bei gleichzeitiger Ressourcenschonung. Insgesamt, so die Ergebnisse der Studie, „wird die Ernährung von morgen im Einklang mit unseren Werten stehen“, also zum Statussymbol und Ausdruck des persönlichen Lebensstils und der eigenen Weltanschauung werden.

„Ernährung ist Lebensqualität“

Martin Greßl sieht die Ernährungsdiskussion durchaus positiv: „Die Konsumenten befassen sich wieder intensiver mit den Lebensmitteln. Die Wer­tigkeit der Grundnahrungsmittel nimmt damit zu.“ Dies berge die Chan­ce, auch den Produzenten wieder mehr in den Mittelpunkt zu rücken – und zwar nicht die Lebensmittelindus­trie oder den Handel, sondern den Bauern und die Bäuerin. Denn nur von dort stammen Getreide, Fleisch oder Eier. „Ernährung beginnt in der Landwirtschaft“, bringt es Agrarlandesrat Max Hiegelsberger auf den Punkt. Er will das Thema deshalb aus Produzentensicht den Verbrauchern näher bringen. „Regional, saisonal, ausgewogen“, lautet die Botschaft. Hiegelsberger wird dafür im nächsten Jahr konkrete Projekte anstoßen, die sich mit der lokalen Le­bensmittelversorgung auseinandersetzen und den Dialog zwischen lokalen Erzeugern, Vertreibern und Verbrauchern stärken sollen.

Hiegelsberger: „Wir brauchen wieder mehr Bewusstsein und Kenntnis darüber, wie Lebens­mit­tel entstehen, was unserem Körper und Geist gut tut, natürlich ist und schmeckt.“ Dann sei Ernährung keine Frage von Geboten oder Verboten mehr, sondern das Essen ein Akt der Freude. Denn, so Hiegelsberger: „Ernährung ist Lebensqualität“.

Ernährungstrends

  • Clean Eating Natürliche Zutaten werden frisch zubereitet, anstatt künstlich und fertig hergestellte Lebensmittel zu essen. Also kein Fast Food, keine Aromastoffe, keine Geschmacksverstärker.
  • Paleo Diese Ernährungsform orientiert sich an der vermuteten Ernährung der Altsteinzeit: viel Gemüse, hochwertige Tierprodukte, Obst, kein Getreide, keine Hülsenfrüchte.
  • Raw Food Essen wird roh, also unverarbeitet und ungekocht, gegessen.

Konsumentenzeitung, 29.11.2016

Bildquellen

  • Kind: Fotolia – kir_prime

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