Invasive Arten im Vormarsch
Gebietsfremde Pflanzenarten, sogenannte Neophyten, breiten sich in Österreich zunehmend aus – mit großteils negativen Auswirkungen auf Menschen und Umwelt.
Seit Beginn der Neuzeit anno 1492 wurden mehr als 1.600 gebietsfremde Pflanzenarten nach Österreich verschleppt. Knapp 100 dieser „Neophyten“ schaden der Gesundheit, Land- und Forstwirtschaft sowie der Artenvielfalt. Die beiden Ökologen Franz Essl und Michael Glaser vom Institut für Botanik und Biodiversitätsforschung der Universität Wien haben mit Kollegen eine landesweite Bestandsaufnahme aller Neophyten erstellt. Ihr Fazit: Es werden immer rascher immer mehr. Um 1850 waren nur 118 solcher Pflanzenarten bekannt, im Jahr 2000 zählte man 1.084. Seitdem sind mehr als 500 gebietsfremde Arten hinzugekommen. „Unter den Neuzugängen finden sich großteils bewusst eingeführte Pflanzen wie Zierpflanzen, aber auch Arten, die unbeabsichtigt zum Beispiel mit verunreinigtem Saatgut eingeschleppt wurden“, erklären die beiden Forscher.
„Die Erdmandel ist zuletzt im Mais- und Kürbisanbau zu einem schwer bekämpfbaren Unkraut geworden“, erklärte Glaser. Ihre Knöllchen werden dort mit landwirtschaftlichen Geräten unwissentlich verbreitet. Der Gesundheit schadet etwa das aus Nordamerika stammende Ragweed, auch unter dem Namen Ambrosia bekannt. Sie kann bei Menschen etwa allergische Reaktionen wie beispielsweise Heuschnupfen oder sogar Asthmaanfälle auslösen.
Der Stechapfel enthält wiederum für den Menschen hochgiftige „Tropanalkaloide“, berichtete Essl: „Das kann Futtermittel betreffen, aber auch Nahrungsmittel, und bei starker Belastung müssen ganze Ernten vernichtet werden.“
Laut den beiden Forschern gebe es aber auch positive Auswirkungen: „Götterbaum und Robinie sind charakteristische Baumarten in Innenstädten, dort sind sie auch ökologisch sehr wertvoll.“ Bei Imkern sei die Robinie ebenfalls beliebt, denn mit dem Nektar ihrer Blüten produzieren Bienen „Akazienhonig“.
„Wenn man die potenziellen positiven Auswirkungen mit den negativen gegenüberstellt, stellt sich heraus, dass letztere deutlich überwiegen“, so Essl. Die Robinie überwächst etwa sehr schnell artenreiche Blumenwiesen und kann so wie Götterbäume durch raschen Wuchs andere heimische Waldbäume verdrängen.

Samensackerl: Inhalt oft mit nicht-heimischen Wildblumen
Auch das Aussäen so mancher angebotenen Wildblumenmischungen – mit der Absicht, der Umwelt etwas Gutes zu tun – kann tatsächlich aber das Gegenteil bewirken. Gerade jetzt im Frühling sind sie in jedem Supermarkt und Baumarkt zu finden – Samen, die dieser Tage unter klingenden Namen wie „Nützlingsparadies“, „Blütenfestival“ oder „Schmetterlingswiese“ angeboten werden. Die kleinen bunten Samensackerl versprechen, dass sich ihr Inhalt, einmal ausgesät und in voller Blüte stehend, in ein wahres Schlaraffenland für Insekten verwandelt. Oftmals sind die Wildblumenmischungen zwar gut gemeint, tragen jedoch nicht zur Förderung der Artenvielfalt bei, manche verursachen sogar Schäden.
Johann Neumayer vom Naturschutzbund hat sich gemeinsam mit Sylvia Wanzenböck vom Österreichischen Wildbienenrat solche Samensackerl genauer angesehen, 47 Stück davon. Das Resümee: „Nicht nur sind häufig gängige Zierblumen und landwirtschaftliche Sorten in hohem Anteil beigemischt, sondern der Großteil der enthaltenen Pflanzenarten ist auch keinen heimischen Wildpflanzen zuzuordnen“, so Neumayer. Das Problem dabei: Nicht-heimische Arten etablieren sich häufig auf Kosten heimischer Arten und bieten nur sehr wenigen Insekten Nahrung. Eine Vielzahl hiesiger Sechsbeiner ist jedoch auf wenige Wildpflanzenarten spezialisiert und kann mit Zier- und exotischen Pflanzen nichts anfangen. „Besonders viele Wildbienen sind zum Teil von einer bestimmten Pflanzenfamilie abhängig, da sie den spezifischen Pollen brauchen, um ihre Brut ausreichend zu versorgen“, erklärt Wanzenböck.
Dass nicht immer klar ist, was in den Samensackerl überhaupt enthalten ist, wurde bei dieser Untersuchung deutlich. Oft werden die Artnamen der Pflanzen nur auf Deutsch angegeben, manchmal halb deutsch und halb wissenschaftlich, und häufig zudem falsch geschrieben. „Dadurch entsteht Unklarheit darüber, um welche Pflanzenarten es sich tatsächlich handelt“, erklärt der Biologe. Bei vielen Produkten fehle auf der Packung auch gänzlich die Angabe, welche Wildblumen mit dem Tütchen eigentlich ausgesät werden.

Beim Kauf von Wildblumenmischungen sollte man genau hinschauen. Ist auf der Packung REWISA (Regionale Wildpflanzen und Samen) oder G-Cert zu lesen, ist die Herkunft aus Österreich gesichert. Diese Gütesiegel gewährleisten, dass nur heimische gebietstypische Samen aus der Region enthalten sind.
Begriffe
- Unter Neophyten werden Pflanzen verstanden, die direkt oder indirekt, bewusst oder unbewusst, vom Menschen nach 1492 in Gebiete eingeführt wurden, in denen sie natürlicherweise nicht vorkamen.
- Einige gebietsfremde Pflanzen, die bereits zu früheren Zeiten zu uns kamen, zum Beispiel mit dem Beginn des Ackerbaus in der Jungsteinzeit oder durch den Handel der Römer, werden als Archäophyten bezeichnet.
Bildquellen
- AdobeStock_379891583-web: Anna - stock.adobe.com
- Wildblumensamensackerl_c_ChristinePuehringer_web: Foto: Christine Puehringer
- Ragweed plant: Foto: Elenathewise - stock.adobe.com
