Lebensmittel & Ernährung

Wenn die Ernte schrumpft

Weckruf der Wissenschaft: Hitze, Trockenheit und Bodenverbrauch gefährden Österreichs Eigenversorgung – mit Folgen, die heute
noch kaum sichtbar sind.

Die Lebensmittelregale sind voll, das Angebot scheint gesichert – doch dieser Ein­druck könnte täuschen. Studien sowie Einschätzungen aus der Wissenschaft warnen: Die Eigenversorgung des Landes sei ernsthaft gefährdet.



Die Studie belegt einen massiven Ertragsrückgang durch Klimawandel und Bodenverbrauch. Es droht in Österreich eine Unterversorgung zum Beispiel bei Getreide, Mais oder Kartoffeln.

Quelle: BEAT-studie der AGES, Grafik: Lustaufsland


Gravierende Folgen durch Hitze und Trockenheit

Eine zentrale Rolle spiele dabei der Klimawandel. Laut einer AGES-Studie sei in Österreich im Extremfall bis zum Jahr 2080 mit einem Temperaturanstieg von bis zu 6 Grad Celsius zu rechnen. Gleichzeitig verschieben sich die Niederschlagsmengen, wovon insbesondere der Osten des Landes betroffen sein werde. Die Folgen wären gravierend: In den kommenden Jahrzehnten drohen in den Hauptanbaugebieten Produktionsverluste von bis zu 50 Prozent.

Diese Entwicklung habe unmittelbare Auswirkungen auf die Versorgungslage. Die Studie zeigt, dass es dadurch zu einer teils deutlichen Unterversorgung bei nahezu allen landwirtschaftlichen Kulturen kommen kann. Besonders kritisch sei dabei, dass diese Risiken im Alltag kaum sichtbar sind. Denn trotz sinkender heimischer Produktion bleiben die Regale durch Importe weiterhin gefüllt. Doch diese scheinbare Sicherheit ist trügerisch. Die Abhängigkeit von globalen Märkten wächst – und mit ihr die Unsicherheit. 

Nach 2030: Keine Autarkie mehr bei Feldfrüchten gewährleistet

Die AGES-Untersuchung kommt zu einem klaren Ergebnis: Die Fähigkeit zur Eigenversorgung werde deutlich abnehmen. „Es ist davon auszugehen, dass bei den meisten derzeit bedeutenden Feldfrüchten nach 2030 keine Autarkie mehr gewährleistet werden kann“, warnt Studienleiter Andreas Baumgarten.

Konkret wird für Österreich ein Rückgang der landwirtschaftlichen Erträge um bis zu 19 Prozent in den kommenden 40 Jahren vorausgesagt. Besonders stark betroffen sei der trockene pannonische Klimaraum. Im Marchfeld etwa könnte sich die Ernte durch zunehmende Hitzetage und Trockenheit um bis zu 50 Prozent verringern. Bereits bis zum Jahr 2060 drohe damit eine Unterversorgung bei zentralen Kulturen wie Getreide, Mais oder Kartoffeln.

Wertvolle landwirtschaftliche Flächen gehen verloren

Parallel dazu verschärfe ein weiterer Faktor die Situation: der fortschreitende Bodenverbrauch. Tag für Tag gehen wertvolle landwirtschaftliche Flächen durch Bauprojekte verloren – Flächen, die für die zukünftige Versorgung dringend benötigt würden. Für Baumgarten ist die Konsequenz eindeutig: „Wenn wir weitertun wie bisher, werden wir Probleme bekommen.“ Der Erhalt der besten Böden sei entscheidend, um die landwirtschaftliche Produktionskapazität zu sichern. Immerhin könnten so rund 75 Prozent der gesamten Produktionsleistung langfristig erhalten werden.

Landwirtschaft als Grundlage für Lebensmittelindustrie

Johannes Tintner-Olifiers von der Universität für Bodenkultur betont: „Die Ertragsfähigkeit unserer Böden wird ohne subs­tanzielle Anpassungen in den wichtigsten Produktionsgebieten Österreichs dramatisch sinken.“ Die Auswirkungen würden dabei weit über bäuerliche Betriebe hinausgehen, denn die agrarische Produktion ist die Grundlage für zahlreiche weitere Wirtschaftszweige. „Eine Mühle ohne Getreide, eine Molkerei ohne Milch, eine Zuckerfabrik ohne Rüben – letztlich können diese Betriebe ebenfalls nur zusperren“, so Tintner-Olifiers. Ein Rückgang der Produktion hätte daher direkte Folgen für Beschäftigung, Wertschöpfung und regionale Strukturen. Zudem würden sich Engpässe rasch auf die Preise auswirken. Selbst global tätige Handelsketten könnten Schwierigkeiten bekommen, ausreichend Ware zu beschaffen. Die möglichen Folgen reichen von stark steigen­den Preisen über Hamsterkäufe bis hin zu instabilen Versorgungsketten.

Boku-Kollegin Marianne Penker sieht die Entwicklung im Kontext einer umfassenden Krise: „Unsere Lebensmittelsysteme stehen an einem historischen Wendepunkt.“ Sie verweist darauf, dass die Landwirtschaft stark von fossiler Energie sowie importierten Betriebsmitteln abhängig ist. Unter den Bedingungen geopolitischer Spannungen und volatiler Energiemärkte müsse das Lebensmittelsystem neu ausgerichtet werden: „Es braucht wieder mehr regionale und zirkuläre Wertschöpfungsmodelle.“ Andernfalls laufe Österreich Gefahr, weiter an agrarischer Produktion einzubüßen.

Bildquellen

  • Grafik_Versorgung_web: Quelle: BEAT-studie der AGES, Grafik: Lustaufsland
  • Korn Österreich frei: Foto: africa-studio - Stock.Adobe.com