Auf dem Acker statt im Stall
Landwirt Johann Diwold hält seine „Wanderschweine“ in mobilen Zelten unter freiem Himmel. Was zunächst ungewöhnlich klingt, ist für einige Betriebe ein zukunftsfähiger Ansatz.
An einem kalten Februartag bietet sich am Kirnbauernhof in Ried in der Riedmark ein ungewöhnliches Bild: Rund 70 Schweine liegen dicht nebeneinander im Stroh, manche wühlen sich tiefer in die weiche Matte. Über ihnen spannt sich ein einfaches Zelt, drumherum mobile Wände. Kein klassischer Stall, keine surrenden Maschinen, keine Betonwände.
Was wie ein Provisorium aussieht, ist für Landwirt Johann Diwold ein durchdachtes Haltungssystem. Eines, das den Mastschweinen ein artgerechtes Leben ermöglichen soll und gleichzeitig wirtschaftlich funktioniert.
Vom Stall zur Freilandhaltung
Diwold kennt alle Seiten der Schweinehaltung. Er übernahm den elterlichen Betrieb mit Vollspaltenböden und investierte 2019 450.000 Euro in einen Tierwohlstall mit circa 330 Mastplätzen. „Das war ein Schritt in die richtige Richtung: mehr Platz, Einstreu und Frischluft“, ist Diwold überzeugt. Doch für ihn blieb die Frage, ob sich Tierverhalten und Wirtschaftlichkeit noch konsequenter verbinden lassen. Die Antwort fand der Landwirt in der „Ackerschwein“-Haltung, ein Konzept, das ursprünglich aus England stammt. Ein Jahr nach der Inbetriebnahme des Tierwohlstalls startete Diwold den ersten Versuch. Heute stehen auf circa zwei Hektar fünf mobile Einheiten mit jeweils 70 Schweinen. Die Investitionskosten sind mit 300 Euro pro Tierplatz deutlich niedriger als beim Stallbau.
Gesunde Tiere, besseres Fleisch
Der Bauer betritt eine Einheit. Ein paar Schweine kommen neugierig näher. Der Großteil der Tiere lässt sich jedoch nicht stören und bleibt tief im Stroh liegen. Ruhe und Zufriedenheit: Ein Bild, das für Diwold viel über das System aussagt. „Schweine wollen wühlen, sich suhlen, bei Hitze abkühlen und bei Kälte Schutz suchen.“ In der Ackerschwein-Haltung finden sie dafür den nötigen Raum. „Wir reden nicht mehr von Tierwohl, sondern von artgerechter Tierhaltung“, betont der Schweinebauer.
„Wir reden nicht mehr von Tierwohl, sondern von
artgerechter Tierhaltung.“ Johann Diwold
Nach vier Monaten werden die Schweine geschlachtet und die Zelte wandern weiter. Übrig bleibt eine etwa einen Meter hohe Mist-Stroh-Matte. „Die Schweine sind unsere Mitarbeiter, durch ihr Wühlen leisten sie die Vorarbeit für die anschließende Kompostierung“, erklärt Diwold. Aus der Einstreu entsteht ein hochwertiger Kompost, der nicht mehr nach Schweinemist riecht, sondern eher nach Waldboden. Im Umfeld des Hofes macht sich das bemerkbar. Die typische Geruchsbelastung beim Düngen der Flächen bleibt aus. „Da stört sich kein Nachbar mehr am Geruch“, erzählt der Landwirt.
Forschung begleitet die Praxis
Rechtlich betrachtet ist die Schweinehaltung auf unbefestigten Flächen in Österreich jedoch noch Neuland. Genau hier setzt das Forschungsprojekt „Ackerschweine“ an, an dem Diwold als einer von sechs Pilotbetrie-ben beteiligt ist. Das Projekt wird gemeinsam mit der BOKU, der Landwirtschaftskammer Niederösterreich, BAW Research und Schweinehaltung Österreich umgesetzt und über EU, Bund und Länder finanziert. Untersucht wird, wie viel Stickstoff aus Kot und Einstreu tatsächlich in den Boden gelangt und welche Einstreumaterialien Nährstoffe am besten binden. Am Ende des vierjährigen Projekts soll ein Leitfaden entstehen, der Landwirten konkrete Empfehlungen für die Praxis gibt.
Ist das die Zukunft?
Diwold bleibt realistisch: „Das ist keine Lösung für jeden Betrieb.“ Wer so arbeiten möchte, braucht Platz und den Mut, Neues auszuprobieren.
Eines steht für ihn fest: Für seine Kinder ist es eine besondere Möglichkeit, den Kreislauf der Landwirtschaft hautnah zu erfahren. Sie beobachten, wie Schweine sich bewegen, wühlen und suhlen. Sie sind täglich bei den Schweinen und füttern sie mit Äpfeln. „Das ist das Schönste daran“, sagt Diwold, „wir können zeigen: Landwirtschaft kann gut für Tiere, gut für die Umwelt und gut für die Menschen sein.“

Mehr Platz, Einstreu und Frischluft:
Ein Teil der rund 650 Schweine lebt im Tierwohlstall, der Rest auf dem Acker.

Ruhiger Tag am Kirnbauernhof:
Die Ackerschweine liegen geschützt im Stroh unter mobilen Zelten.

Wühlen im Boden:
Nach der Mast bleibt eine circa ein Meter hohe Mist-Stroh-Matte zurück, die bereit für die Kompostierung ist.

Nährstoffkreislauf am Betrieb: Die kompostierte Mistmatte wird wieder auf den Ackerflächen ausgebracht.
Bildquellen
- Ackerschweine_Haltung: Fotos: Schaumberger
- Stroh_Mist_Matte: Fotos: Schaumberger
- Kompost: Fotos: Schaumberger
- Diwold_Schweine: Fotos: Schaumberger
