Kinder & Freizeit

Leben mit oder ohne Kind?

Die eine hat sich bewusst gegen Kinder entschieden, die andere lebt mit vier. Zwei Frauen, zwei völlig unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage.

Wenn Melanie sagt, dass sie kein Kind will, bekommt sie oft dieselbe Antwort zu hören: „Wart ab. Das ändert sich schon noch, wenn du älter bist.“ Die Sozialarbeiterin wartet bis heute auf dieses Gefühl: „Mittlerweile bin ich 32 und es ist noch immer nicht der Wunsch gekommen“, sagt sie. Dabei mag Melanie Kinder. Viele Freunde haben bereits Nachwuchs. Sie selbst ist verlobt, arbeitet Vollzeit und hat ein stabiles Umfeld. „Ich mag Kinder irrsinnig gern, beschäftige mich auch gern mit Kindern. Aber ich habe nicht das Bedürfnis, ein eigenes Kind zu haben“, erklärt sie. 

Lang anhaltender Trend

Melanie ist damit nicht alleine. Vergleicht man die Jahrgänge der 1930er-Jahre mit den 1980er-Jahren, ist der Anteil der kinderlosen Frauen von circa 12 Prozent auf aktuell etwa 25 Prozent gestiegen. Dabei ist Kinderlosig-keit nicht immer eine bewusste Entscheidung. Schmidt unterscheidet zwischen gewollter und ungewollter Kinderlosigkeit. Auch unerfüllte Kinderwünsche tragen zur Entwicklung bei. Die durchschnittliche Kin­derzahl pro Frau sank 2025 auf 1,29, ein historisches Tief. 75.718 Kinder kamen im vergangenem Jahr in Österreich zur Welt, um zwei Prozent weniger als im Jahr davor. Gleichzei­tig starben 86.766 Menschen. Die Geburtenbilanz war damit laut Statistik Austria bereits zum sechsten Mal in Folge negativ. 

„In reichen demokratischen westlichen Gesellschaften ist das ein Trend, der schon seit Längerem zu beobachten ist“, ordnet Eva-Maria Schmidt vom Österreichischen Institut für Familienforschung ein. Seit 2009 ist die Anzahl der Frauen im gebärfähigen Alter um etwa acht Prozent gesunken. Das allein führt schon zu sinkenden Geburtenzahlen. Daneben nennt Schmidt eine ganze Reihe weiterer Faktoren – von der steigenden Bildung von Frauen bis zu wirtschaftlichen Unsicherheiten. Vor allem aber haben sich die Rahmenbedingungen für diese Entscheidung grundlegend verändert.

Entscheidung, die schwerfällt

Was früher stärker als selbstverständlicher Lebensschritt galt, wird heute häufiger hinterfragt. Schmidt sieht einen Zusammenhang mit den vielen Möglichkeiten, die Menschen haben. „Es gibt einfach eine Vielzahl an Op­tionen, und diese Vielfältigkeit führt dazu, dass Menschen sich sehr viel genauer überlegen, welche Entscheidung sie treffen“, sagt die Soziologin. Die Familiengründung werde dadurch stärker mit anderen Lebensbereichen abgeglichen: Passt der Zeitpunkt zur Ausbildung? Zur beruflichen Situation? Zur Partnerschaft? Zur finanziellen Lage? Damit verschiebt sich die Familiengründung nach hinten oder bleibt ganz aus.

Bei Melanie hat es nie einen einzelnen Mo­ment gegeben, in dem sie sich gegen ein Kind entschieden hätte. Ihre Haltung begleitet sie schon lange. Gleichzeitig beschäftigt sie die Frage, in welcher Welt ein Kind aufwachsen würde. Zunehmende Gewalt und andere glo­bale Krisen machen ihr Sorgen. Dazu kom­men Zweifel am Schulsystem. Ganz ausgeschlossen wäre ein Kind für sie unter anderen Bedingun­gen nicht. „Wenn es so eine Welt gäbe, wie ich es mir vorstelle, könnte ich es mir vorstellen.“

Die Last der Sorgearbeit

Verena kennt einen völlig anderen Lebensweg. Mit 26 Jahren bekam die heute 35-Jährige ihr erstes Kind, inzwischen hat sie vier. Für sie war schon immer klar, dass sie Kinder möchte und am liebsten gleich mehrere. Sie ist selbst mit Geschwistern aufgewachsen und wollte diese Erfahrung auch ihren eigenen Kindern ermöglichen: „Dass sie nicht alleine sind.“ Möglich ist das Leben mit vier Kindern für Verena vor allem durch das fami­liäre Umfeld: Die Schwiegereltern wohnen im selben Haus, ihre eigenen nur wenige Autominuten entfernt. „Wenn wir das gar nicht hätten, weiß ich nicht, ob wir so viele Kinder bekommen hätten.“

Vor Verenas Wiedereinstieg ins Berufsleben stellt sich deshalb genau jene Frage, die Schmidt als zentral für Familien beschreibt: Wie lässt sich Erwerbsarbeit mit der Verantwortung für Kinder verbinden, wenn beide beruflich gebunden sind? Denn Betreuung ist für Verena mehr als die Zeit, in der jemand auf die Kinder aufpasst. Wäsche, Essen, Arzttermine und Hausaufgaben müssten trotzdem erledigt werden. Sie spricht von „100 Sachen“, an die sie denken müsse. Informationen aus Kindergarten, Schule oder Vereinen landen häufig automatisch bei den Müttern.

Eine „gute Mutter“ sein

Ein zentraler Punkt in Schmidts Forschung ist das Bild der „guten Mutter“: „Wir haben in Österreich eine sehr viel stärkere Vorstellung von guter Mutterschaft“, sagt sie. In nordischen Ländern wie Schweden, Norwegen und Dänemark werde es eher als selbstverständlich angesehen, Kinder früh in Einrichtungen betreuen zu lassen. In Österreich hingegen gebe es ein anderes Ideal: „Mütter sollen heutzutage den Kindern sehr zugewandt sein, ihr Leben mehr oder weniger aufgeben.“

Auch Verena hat bei ihren Kindern jeweils längere Karenzzeiten genommen und sich dafür entschieden, die ersten Jahre mit ihnen zu verbringen. Eine Betreuung der Kinder bereits im ersten Lebensjahr, um selbst wieder Vollzeit arbeiten zu können, hätte sie nicht gewollt. Für Schmidt liegt darin die Herausforderung: Solange der hohe Anspruch an Mutterschaft bestehen bleibt, Mütter einen großen Teil der Betreuung übernehmen und gleichzeitig wieder voll arbeiten sollen, wird es schwierig, Familie und Beruf miteinander zu verbinden. „Für mehr Gleichstellung ist ein Papa-Monat, dem vier Monate Mutterschutz gegenüberstehen, zu wenig. Und ein Karenzanspruch, der von 24 Monaten nur zwei Monate für den Partner vorsieht, ist auch zu wenig“, betont die Soziologin. Ein möglicher Weg wäre, beide Elternteile von Anfang an gleichermaßen einzubinden.

Was sich ändern müsste

Eine schnelle Trendwende hält Schmidt für unwahrscheinlich. Kulturelle Normen verändern sich langsam und Väter reduzieren ihre Erwerbsarbeit bislang kaum. „Dass die Mütter zu einem großen Teil verantwortlich sind für die Betreuung von Kindern, wird sich auch in den nächsten zehn Jahren nicht ändern. Der kulturelle Rahmen, der in Österreich herrscht, ist einfach zu träge.“ Trotzdem sieht sie langfristig Bewegung, nicht zuletzt weil das aktuelle System an seine Grenzen stößt. Der Druck werde irgendwann zu groß.

Auch gesellschaftlich bleibe die niedrige Geburtenrate nicht ohne Folgen, so Schmidt:  „Es macht etwas mit einer Gesellschaft, wenn Kinder zu haben nicht mehr unbedingt die Norm darstellt, wenn im öffentlichen Raum weniger Kinder zu sehen sind, wenn Menschen weniger Vorbilder haben, wie man mit zwei oder mehr Kindern lebt.“

Für Melanie bleibt der Kinderwunsch eine persönliche Frage. „Es ist mein Leben und das von meinem Partner.“

Verena wiederum erlebt die Herausforderungen des Familienalltags täglich, möchte die Nähe zu ihren Kindern aber nicht missen. „Es ist nicht immer einfach, aber es ist auch schön. Kein Kind ist so lieb, wie das eigene.“

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