Versteckte Eier aus dem Käfig

GENAU GESCHAUT. Österreich ist ein Vorzeigeland, was die Haltung von Hennen betrifft. Und trotzdem landen Eier aus Legebatterien auf den Tellern der Konsumenten.

Rund um Ostern sind Eier – im wahrsten Wortsinn – in aller Munde, doch verzehrt werden sie natürlich nicht nur um diese Zeit. Ungefähr 240 Stück sind es in Österreich pro Kopf und Jahr. Knapp sieben Millionen Legehennen legen sich dafür ins Zeug. Sie dürften das hierzulande auch gerne tun, denn Österreich ist seit Jahresbeginn
bei der Legehennenhaltung absolut „käfigfrei“.
Konventionelle Käfige sind in Österreich schon
2008 verboten worden. Sogenannte „ausgestaltete“ Varianten waren bis Jahresende 2019 zwar noch erlaubt, zuletzt de facto aber nicht mehr vorhanden.  

Mit diesen Schritten ist Österreich in eine Vorreiterrolle geschlüpft: Kein zweites Land in der EU verbietet die Käfighaltung zur Gänze, lediglich im Nachbarland Schweiz führen Legehennen durch ein Käfigverbot ein ähnlich glückliches Dasein wie in Österreich. In den restlichen EU-Ländern sind herkömmliche Käfige zwar seit 2012 (in Deutschland seit 2010) verboten, die ausgestalteten Varianten aber immer noch erlaubt. Ein Ende ist auch nicht absehbar, lediglich Deutschland hat mit dem Jahr 2025 schon den Ausstieg fixiert. 

Weniger Platz als ein A4-Blatt

Zur Erklärung: In einem konventionellen Käfig muss eine Legehenne mit einer Fläche, die kleiner als ein DIN-A4-Blatt ist, auskommen. Der ausgestaltete Käfig gewährt den Hennen etwas mehr Platz, Sitzstangen und Nester für die Eiablage – pro Quadratmeter befinden sich in solchen aber immer noch 13 Hennen. Das bedeutet umgerechnet ein Platzangebot in der Größe von einem DIN-A4-Blatt plus fünf Bankomatkarten pro Henne. Tierwohl sieht anders aus, weshalb Tierschutzorganisationen hier nach wie vor von Tierquälerei sprechen. 

417 Millionen Legehennen sind EU-weit registriert, davon leben aktuell noch etwas mehr als die Hälfte in Käfigen (50,4 %), 28,5 % in Bodenhaltung, 15,7 % in Freilandhaltung und 5,4 % auf Biobetrieben. Weltweit betrachtet ist die Lage allerdings noch dramatischer: Herkömmliche Käfige sind in außereuropäischen Produktionsländern Standard und zu mehr als 90 Prozent im Einsatz, Insider schätzen den Wert gar auf 95 bis 99 Prozent. 

Sichere Frischeier in Österreich

Was bedeuten diese Zahlen nun für den heimischen Konsumenten? Wer hierzulande frische Eier im Supermarkt kauft, ist auf der sicheren Seite – er bekommt auf jeden Fall ein kontrolliert österreichisches und damit käfigfreies Ei. Denn auch hier hat Österreich schon vor langer Zeit eine Vorrangstellung eingenommen: Die erste Handelskette hat Käfigeier bereits 1994 ausgelistet. Anhand des direkt auf dem Ei angebrachten Erzeugercodes kann der Konsument das Herkunftsland (AT steht für Österreich) sowie die Art der Haltung erkennen. Die Ziffer 0 steht für biologische Haltung, 1 bedeutet Freilandhaltung, 2 steht für Bodenhaltung. Die Ziffer 3 steht für Käfighaltung, ist nun aber in Öster-reich nicht mehr zu finden. Diese Kennzeichnungspflicht für frische, sortierte Eier, die direkt an den Konsumenten verkauft werden, gilt innerhalb der EU seit 2005. Für eine transparente Rückverfolgbarkeit von jedem einzelnen österreichischen Ei wurde außerdem in Österreich 2012 die Österreichische Eierdatenbank installiert. Anhand dieser lässt sich die Herkunft von Eiern online bis zum einzelnen Bauern verfolgen.

Importware ist anonym

Anders sieht es bei importierten Eiern aus. Bei einem Selbstversorgungsgrad von knapp 90 Prozent sind es immer noch ungefähr eine Million Eier, die pro Tag importiert werden – als Schaleneier oder in Form von Eiprodukten wie Flüssigei oder Eipulver. Auch aus Kostengründen, denn das ausländische Käfigei ist billiger zu haben als das heimische aus Boden- oder Freilandhaltung. An diesem Punkt ist es auch vorbei mit der Insel der Seligen, denn Eiprodukte müssen bezüglich Herkunft und Haltungsform nicht gekennzeichnet werden. Schalenei wird zu fast 100 Prozent aus EU-Ländern importiert, Eiprodukte zu 95 bis 98 Prozent aus EU-Ländern, genaue Zahlen sind schwer auszumachen. Die ganze Wahrheit ist auch aus einem weiteren Grund nicht zu erfassen: Werden nämlich Eier zum Beispiel aus der Ukraine in die Niederlande exportiert und dort zu Flüssigei verarbeitet, kann das als niederländisches Flüssigei nach Österreich kommen.

Freie Fahrt für Käfigeier

Importierte Eier beziehungsweise Eiprodukte gehen in die Lebensmittelindustrie, Großküchen und Gastronomie. Denn anders als im privaten Haushalt werden Eier in diesen Bereichen natürlich nicht dort aufgeschlagen, wo sie verarbeitet werden. Flüssigei und Eipulver gibt es jeweils als Vollei, nur Eigelb oder nur Eiklar. Wo Eierspeis in rauen Mengen zubereitet wird, kommt die – bereits mit Milch oder Schlagobers versetzte – Mischung aus dem Kanister. Woher der Rohstoff Ei kommt, ist dabei nicht mehr genau nachvollziehbar. Käfigeier haben hier freie Fahrt – und Konsumenten im Gegenzug keine Chance, diese zu erkennen. Bewirken können sie trotzdem etwas: Wer etwa in der Gastronomie stets nachfragt, woher die Eier in seinem Gericht kommen, kann zum Umdenken anregen. Auch etwa 800 Lebensmittel des täglichen Bedarfs – von Nudeln über Süß- und Backwaren bis zu Eis und Soßen – enthalten Eier. Laut Österreichischer Frischeier Erzeugergemeinschaft (EZG) verwendet die verarbeitende Industrie 45 Prozent Inlandseier und 55 Prozent Importware. Damit isst auch jeder Österreicher wahrscheinlich mehr Käfigeier, als ihm lieb ist. 

„Der Eiermarkt ist ein extrem preisgetriebener Markt“, erklärt Michael Wurzer, Geschäftsführer der Zentralen Arbeitsgemeinschaft der Geflügelzüchter (ZAG). Österreich sei bei Frischeiern in der Vergangenheit viel gelungen, beim verarbeiteten Ei sei jedoch noch viel zu tun. Geflügelbranche, Landwirtschaftskammer und Bauernbund fordern schon lange eine verpflichtende Kennzeichnung für Verarbeitungsprodukte mit Eianteil im Lebensmittelhandel sowie in Großküchen und Gemeinschaftsverpflegung. Eier sollten auch in diesen Bereichen hinsichtlich Herkunft und Haltungsform gekennzeichnet werden und damit sollte Transparenz in einen anonymen Markt kommen. Erst dann hat auch der Konsument echte Entscheidungsfreiheit. Schließlich nimmt er mehr als die Hälfte der eingangs erwähnten 240 Eier in bereits verarbeiteter Form zu sich.

Kennzeichnung gefordert

„Eine verpflichtende Kennzeichnung von Eiprodukten, also in der ersten Verarbeitungsstufe, wäre der erste Schritt“, bekräftigt Wurzer. Daraufhin wären auch Verarbeiter, etwa Nudelhersteller oder Produzenten von Backwaren, in der Lage, ihre Waren genau zu kennzeichnen. „Wir wollen auch in diesem Bereich eine verpflichtende Kennzeichnung“, sagt Wurzer. Ebenso sei die öffentliche Beschaffung laut Wurzer „stark gefordert“. Geht es nach dem aktuellen Regierungsprogramm, sollte die von Landwirtschaft und Konsumentenschützern schon seit Jahren geäußerte Forderung nach mehr Kennzeichnung bald Realität werden: Schließlich ist dort die „Verpflichtende Herkunftskennzeichnung der Primär­zutaten Milch, Fleisch und Eier in der Gemeinschaftsverpflegung (öffentlich und privat) und in verarbeiteten Lebensmitteln ab 2021“ vermerkt. 

Übrigens: Verschiedene Eiprodukte, die mit dem AMA-Gütesiegel zu 100 Prozent als österreichische Produkte abgesichert sind, gibt es bereits. Auf einem Markt, wo es um jeden Cent geht, braucht es schon eine Portion Ideologie, um als Verarbeiter dieses Angebot auch anzunehmen. Am Beispiel Frischei hat der heimische Konsument schon gezeigt, dass er Tierschutz und Qualität den Vorrang gibt.

Rund ums Ei

  • Eine Henne legt durchschnittlich 270 Eier pro Jahr.
  • Dank Eierdatenbank ist in Österreich jedes Frischei bis zum Bauern rückverfolgbar.
  • Das Mindesthaltbarkeitsdatum darf auf spätestens 28 Tage nach dem Legen gesetzt werden. 
  • Eier sollten am besten mit der Spitze nach unten im Kühlschrank gelagert werden. 

Nährstoffbombe Ei

  • Aus ernährungsphysiologischer Sicht ist das Ei ein wertvolles Lebensmittel. Es liefert biologisch hochwertiges Eiweiß, das heißt, es kann vom Menschen sehr gut zum Aufbau von körpereigenem Eiweiß genutzt werden. Es verfügt über alle fettlöslichen Vitamine (A, D, E, K) sowie wasserlösliche Vitamine (C, B, Folsäure), Zink und Eisen. 
  • Doch wie ist das genau mit dem Cholesterin? „Das Cholesterin aus der Nahrung beeinflusst den Cholesterinspiegel im Blut nur sehr gering“, sagt die Diätologin Marlene Jagersberger, „ausschlaggebend dafür sind die gesättigten Fettsäuren in einem Lebensmittel.“ Solche befinden sich zwar auch im Eigelb, aber in geringer Menge. „Dazu ist in Eiern Lecithin drin, das die Cholesterin-Aufnahme im Darm hemmt“, erklärt Jagersberger. Sie rät Menschen mit erhöhtem Cholesterinspiegel, vor allem auf gesättigte Fettsäuren in Lebensmitteln zu achten und daher auf ihrem Speiseplan tierische Fette wie etwa fettreiche Wurst zu reduzieren. 
  • Wie gut sich der Cholesterinspiegel im Körper reguliert, hängt auch immer vom individuellen Organismus ab. Empfehlungen, wie viele Eier pro Tag oder Woche gesund oder ungesund sind, werden daher kaum mehr ausgesprochen.

Bildquellen

  • Eier Grafik: AdobeStock - artinspiring, Felix
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