Bewegung macht Kinder schlau

Defizite – Körperliche Aktivität, Gesundheit und nicht zuletzt schulischer Erfolg gehen Hand in Hand. Der Grundstein für ein gesundes Bewegungsverhalten wird bereits in jungen Jahren gelegt. Allerdings findet der Nachwuchs von heute nicht immer ausreichende Möglichkeiten und Förderung vonseiten der Eltern. 

Bewegung ist gesund: Diese Botschaft ist unumstritten und gewinnt zunehmend an Bedeutung. Längst ist es nicht mehr selbstverständlich, dass der Mensch sich genug bewegt. Kinder können dadurch ihr Entwicklungspotenzial nicht mehr voll ausschöpfen. „Bewegte Kinder sind schlaue Kinder“, sagt Margit Wachter. Die Koor­dinatorin der Haltungs- und Bewegungsberatung des Landes Oberösterreich hat sich diesen Satz zum Motto gemacht. Eine Motivation, die vor allem an Eltern gerichtet ist. „Kinder im Volksschulalter haben kein Motivationsproblem, sie bewegen sich von Natur aus gerne“, so Wachter.

Purzelbaum, Ball fangen und Schnurspringen

Allerdings sei zu beobachten, dass die Bewegungsfähigkeit im Abnehmen ist. „Einen Purzelbaum zu machen ist für viele Volksschulkinder schon eine große Aufgabe, auch Schnurspringen ist nicht mehr selbstverständlich. Manche können nicht einmal ihre Arme so koordinieren, dass sie einen Ball fangen könnten“, sagt die Expertin. Die Gründe für derartige Defizite sind vielfältig und reichen vom Bewegungsmangel über vermehrtes Übergewicht, mangelnden natürlichen Bewegungsraum und fehlende Vorbildwirkung der Eltern bis zur Überbehütung. Wachter: „Kinder sollten klettern, balancieren und springen dürfen, sich über eine Böschung rollen oder so lange um die eigene Achse drehen, bis sie vor Schwindel umfallen.“

Die Haltungs- und Bewegungsberatung gibt es bereits seit 33 Jahren. Heute sind es 27 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – vom Sportwissenschafter bis zum Ergotherapeuten –, die in allen Volksschulen Oberösterreichs (die Statutarstädte Linz, Wels und Steyr ausgenommen) jede Klasse fünfmal pro Schuljahr besuchen. Auf spielerische Weise lernen die Kinder, ihren Körper wahrzunehmen, ihre Muskeln zu gebrauchen und ihre Geschicklichkeit zu verbessern. „Es gibt Kinder, die sich zuvor noch nie körperlich angestrengt haben und ganz erstaunt sind, dass sie schwitzen können“, berichtet Wachter. Sie habe beobachtet, dass Kinder, die keine Körperspannung haben, auch nicht ruhig sitzen oder einen Stift ordentlich halten können. Nicht zuletzt würden Kinder mit fehlender Körperwahrnehmung oft auch im sozialen Kontext auffallen.

Die tägliche Sporteinheit kommt in die Schule

Die lange geforderte tägliche Turnstunde wird in Oberösterreich als „Tägliche Bewegungs- und Sporteinheit“, kurz TBuS, seit dem laufenden Schuljahr in 150 Schulen umgesetzt, wovon mehr als 12.000 Schülerinnen und Schüler profitieren. „Sport ist für die gesunde Entwicklung unserer Kinder enorm wichtig. Gerade in Zeiten von PC, Spielkonsolen und Tablets müssen Bewegung und Sport wieder selbstverständlich werden“, sagt Oberösterreichs Sportreferent, Landeshauptmann-Stellvertreter Michael Strugl. Wer in seiner Freizeit mehr Sport treiben und sich einem Verein anschließen will, hat in Oberösterreich viele Möglichkeiten: 2500 Sportvereine gibt es, 148 Sportarten von A wie Alpinistik bis Z wie Zumba werden angeboten.

Tipps für Eltern

  • Jeder Schritt zählt: Kinder müssen nicht bis vor das Schultor gefahren werden, den Weg zu Fuß zurückzulegen verbessert die Aufnahmefähigkeit im Unterricht.
  • Eltern als Vorbild: Das Bewegungsverhalten der Eltern prägt Kinder. Eltern müssen für ein bewegungsfreundliches Umfeld sorgen.
  • Bewegter Sonntag: Nicht pure Sporteinheiten sind gefragt, sondern gemeinsame Unternehmungen. Das vermindert bereits die „Stubenhocker-Zeit“.

Interview: „Bewegung ist Naturmedizin“, sagt die Gehirnforschung

Bewegung hält Körper und Geist fit. Neurowissenschafterin Manuela Macedonia erklärt die Auswirkungen von Bewegung auf das Gehirn.

Macedonia ist an der Universität Linz und am Max-Planck-Institut für Neurowissenschaften in Leipzig tätig.

Frau Macedonia, wie wirkt sich Bewegung auf das menschliche Gehirn aus?

Macedonia: Der Hippocampus, auf Latein Seepferdchen wegen seiner Form, ist eine fingerdicke Struktur in der Tiefe unseres Gehirns und Sitz des Kurzzeitgedächtnisses. Kinder, die sich viel bewegen, haben einen größeren Hippocampus. Ein besseres Kurzzeitgedächtnis sorgt für bessere Schulleistungen, das zeigen viele Studien. Der Hippocampus ist auch für neue Gehirnzellen zuständig, er produziert lebenslang Stammzellen, die dann in jene Gehirnregionen wandern, in denen Wissen gespeichert wird. Bewegt sich ein Kind viel, werden mehr Zellen produziert. Bew­e­gung führt auch zur verstärkten Ausschüttung von Nervenwachstumsfaktor, einer Substanz, die für die Gehirnzellen wie ein Dünger wirkt, sie stärkt und sich gut vernetzen lässt. Hat das Kind zu wenig davon, können auch Probleme wie Essstörungen, Depressionen oder andere psychische Krankheiten auftreten.

Wie viel Bewegung ist gemeint?

Macedonia: Unzählige Studien zeigen, dass aerobe Bewegung der Schlüssel zur Gehirnfitness ist. Es geht also nicht um Hochleistungssport, son­dern um regelmäßige Bewegung. Mindestens eine Stunde am Tag sollten Kinder draußen spielen, laufen und sich austoben. Am Wochenende mehrere Stunden am Tag, um auf eine gute Bewegungsbilanz zu kommen.

Wie lange halten die positiven Effekte an?

Macedonia: Das kann man so nicht beant­worten. Organismus, Alter, Gesundheitszustand, Art und Menge der Bewegung – das sind eine Menge zusammenhängender Faktoren. Bewegung soll nicht wie eine bittere Pille angesehen werden, sondern als Naturmedizin für unsere körperliche Gesundheit und vor allem als der einzig erwiese­ne Weg, um unsere Kogni­tion und Psyche stark und stabil zu halten. Früher hat sich niemand mit diesen Themen beschäftigt, da wir uns alle mehr bewegt haben.

Kann man – ähnlich wie beim Essen – Kindern Sport auch schmackhaft machen?

Macedonia: Eltern sollten in puncto Bewe­gung als Vorbilder fungieren. Österreich ist das schönste Land, um mit Kindern zu wandern, Rad zu fahren, spazieren zu gehen, Ski zu fahren. Das sind Aktivitäten, die das Gehirn jedes Famili­en­mitgliedes fit halten und auch den Zusammen­halt stärken. Wenn es die Kinder als schön empfinden, werden sie es immer wieder gerne tun. Auch der Sportunterricht sollte meiner Meinung nach nicht auf zwei oder drei Wochenstunden be­schränkt sein. Schulsportwochen müssten ebenso wie Sportvereine mehr gefördert werden. Wundert man sich über die isländischen Fußbal­ler? Island fördert seit 20 Jahren den Sport, die Re­sultate sieht man. Die jungen Isländer sind kör­perlich fitter und gesünder als alle anderen weltweit. Sie sind sehr gut in der Schule, vielfach talentiert und interessiert und konsumieren kaum Drogen.

Bildquellen

  • Manuela Maceconia: Kneidinger Photography
  • Kind: Fotolia - charliefoto

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.