„Glauben heißt nicht wissen“

Die Fastenzeit ist die Vorbereitung auf Ostern. Worin liegt der Sinn darin und worauf sollte man verzichten?

Es ist gut, dass viele Menschen heute die Fastenzeit hernehmen, um bewusst auf etwas zu verzichten, auch Leute die nicht besonders religiös sind. Der Sinn darin muss aber nicht unbedingt im Verzicht liegen. Man kann die Fastenzeit auch dafür nehmen, um bewusst seinen Lebensstil zu überdenken und Akzente zu setzen: Wie lebe ich und was hilft mir, dass ich wieder bewusster leben kann? Das kann sein weniger Schokolade zu essen, weniger Alkohol zu trinken oder sich mehr Zeit für sich selbst oder auch seine Mitmenschen zu nehmen.

Beginnt nach der Fastenzeit wieder die Zeit der Völlerei? 

(lacht) Völlerei vielleicht nicht unbedingt, aber man muss auch nicht immer asketisch leben. Wichtig ist, dass man Dinge, die man in der Fastenzeit bewusst kultiviert, auch in gewisser Form weiter praktiziert. Es wäre komisch zu sagen, nach der Fastenzeit ist alles egal. Wichtig ist aber auch, nicht immer nur zu fasten. Man soll bewusst Opfer bringen, jedoch mehr mit Freude und weniger mit Zwang.

Ostern ist die jährliche Gedächtnisfeier der Auferstehung Jesu Christi. Welche Bedeutung hat dieses Fest für die Christen?

Die Auferstehung Jesu Christi ist der zentrale Inhalt unseres Glaubens. Es bedeutet, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Aber es ist nicht nur eine jährliche Gedächtnisfeier, sondern auch eine Verheutigung. Auferstehung ist etwas, dass nicht nur vor 2000 Jahren passiert ist. Auch in unserem Leben müssen wir uns bewusst machen, dass die Tage, von denen wir sagen, sie ge­fallen uns nicht, nicht das Letzte sind.

Wie kann der Begriff „Auferstehung“ sinnbildlich verstanden werden?

Auferstehung bedeutet Neuanfang. Die Liebe ist stärker als der Tod. Unser Leid, unser Ärger, die ganzen Probleme und alles, was uns beschäftigt, ist nicht das Letzte. Wir dürfen glauben, dass es auch in unserem Leben Auferstehung gibt und dass es im Leben wieder aufwärts geht. Eine Auferstehungserfahrung im Leben kann beispielsweise sein, nach einer zerrütteten Ehe den Mut zu haben wieder neu anzufangen. Auch Scheidung kann eine Auferstehungserfahrung sein, indem man sich befreit und wieder neu durchstartet. Oder ein neuer Beruf, eine neue Liebe oder die Geburt eines Kindes – Neuanfänge sind Auferstehungserfahrungen im Leben.

Christen glauben seit jeher, dass Jesus den Tod besiegt hat. Wie würden Sie das Wort „Glaube“ in diesem Zusammenhang definieren und was bedeutet es für Sie? 

Der Begriff kommt vom Lateinischen „credere cor dare“ und bedeutet „mit Herz an etwas hängen“. Manche sagen: Glauben heißt nicht wissen. Das ist gar nicht so schlecht. Wissen ist etwas, das im Kopf passiert, und glauben ist etwas, das im Herzen passiert. Glaube heißt überzeugt sein von Dingen, die man nicht sieht, und hoffen auf etwas. Insofern ist für mich der Glaube die Hoffnung und das Vertrauen, dass mein Leben einen Sinn hat, dass es jemanden gibt, der mich begleitet und dass alles gut ausgeht.

Ist Glaube und Religion dasselbe?

Nein. Viele Menschen sagen: Einen Glauben habe ich, aber mit der Kirche habe ich nichts am Hut. Ich denke, dass jeder in sich spürt, dass es noch mehr gibt als die sichtbare Welt, unabhängig davon, ob jetzt jemand im engeren Sinn religiös ist. Wahrscheinlich spürt jeder Mensch, dass das, was wir sehen und unser Leben ausmacht, nicht alles ist. Wie man das dann nennt, ist eine andere Sache. Im christlichen Glauben ist sehr viel Wahrheit enthalten, wo das gestillt wird, was die Menschen zutiefst bewegt, und das sind die drei Fragen: Woher kommen wir, wohin gehen wir und was ist der Sinn? Das hängt mit dem Glauben zusammen, denn diese Fragen stellt sich irgendwie jeder. Insofern versucht die christliche Religion eine Antwort darauf zu geben, die in diesem Kulturkreis die Hauptantwort ist. Im fernen Osten ist halt der Buddhismus oder Hinduismus die Antwort. Glaube ist das, was jeder hat, und Religion sind die verschiedenen Erklärungsmodelle.

Sei es jetzt Gott, die Politik oder auch die Medien – was sind Ihrer Meinung nach Gründe dafür, warum Menschen immer weniger Glauben in etwas haben?

Jeder hat in irgendeiner Form einen Glauben. Ich denke aber, dass Menschen im institutionalisierten Glauben und den klassischen Religionsgemeinschaften immer weniger das finden, was sie suchen. Hier ist ein grundsätzlicher Wandel passiert. In den 80er- Jahren, als ich noch ein Kind war, ist die Kirche in meiner Pfarrgemeinde beim Gottesdienst voll gewesen, da ist man halt hingegangen. Heute suchen die Menschen halt mehr aus, haben einfach viel mehr Möglichkeiten und sind dynamischer. Genauso wie Menschen auch in der Politik nicht mehr nur ihre Stammpartei wählen.

Woran kann bzw. soll man in der heutigen Zeit noch glauben? 

In erster Linie soll man an sich selbst glauben. Weiters daran, dass wir geliebt sind von Gott und eben auch von anderen Menschen. Jesus sagte: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. Das hat allgemein Gültigkeit. Es ist wichtig einen Sinn zu haben und auch einen Sinn außer meiner selbst. Daran zu glauben, dass es einen Gott gibt, der mich liebt und begleitet, aber auch zu glauben und zu wissen, dass ich Menschen um mich habe, die mich lieben. Man muss an sich selbst glauben und sich auch selbst lieben.

Gibt es Dinge, die im röm. kath. Glauben verankert sind, die Ihrer Meinung nach zu altmodisch sind und wo die Kirche moderner werden könnte? 

Grundsätzlich ist der christliche und auch der römisch-katholische Glaube von der Bibel aber auch von der Tradition her etwas, das den Menschen entgegenkommt und gut ist. Insofern glaube ich gar nicht so sehr, dass der Glaube an sich in der Krise ist, sicher aber die Kirche und das sind zum Teil strukturelle Probleme. Eine Bekannte von mir hat einmal gemeint, wir haben das beste Produkt, aber es hapert beim Marketing. Die kirchliche Sexualmoral ist eine Empfehlung und ich glaube, dass es das ist, was den Menschen gut tut. Aber dass nicht alle das Ideal erreichen, ist klar. Auch wenn die Kirche sagt, die Ehe ist unauflöslich, dann ist das eine Empfehlung und ein Ideal. Die katholische Kirche, und da gibt es auch schon Aufbrüche, müsste anerkennen, dass es in der Ehe auch ein Scheitern gibt und Menschen sich scheiden lassen. Das ist eine Sache, die mir persönlich, auch weil meine Eltern geschieden sind, durchaus am Herzen liegt. Ich glaube auch, dass es andere Formen des Priestertums geben kann, sprich verheiratete Pfarrer.

Immer mehr Menschen gehen, wenn überhaupt, nur noch „alle heiligen Zeiten“ – sprich zu Ostern und Weihnachten – in die Kirche. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Menschen sagen, sie brauchen nicht jede Woche einen Gottesdienst. Andererseits brauchen sie die Kirche, wenn sie heiraten oder Kinder taufen lassen. Auch zu Weihnachten und Ostern gehört für viele der Kirchgang einfach dazu. Das darf man auch nicht nur schlecht sehen. Man muss sich darauf einstellen. Ich habe viele Trauungen, wo Menschen in die Kirche kommen, die sonst wahrscheinlich selten da sind. Ich lehne diese aber nicht ab und denke mir: Super dass sie in dieser entscheidenden Situation einen kirchlichen Beistand wollen. Es ist schade wenn Menschen, die schon wenig von der Kirche brauchen bzw. wünschen, in solchen Situationen dann auch noch das Gefühl haben, dass es da keine Hilfe gibt.

Bei den Gottesdiensten muss das Angebot auch von der Uhrzeit entsprechen. 9 Uhr Vormittag ist für junge Leute an einem Sonntag absolut uninteressant. Die Lebensrealität vieler Menschen ist, dass sie fünf Tage in der Woche arbeiten und nicht jeden Sonntag in der Früh in die Kirche gehen wollen. Im Stift halten wir sonntags auch um 11.30 Uhr eine heilige Messe und da merken wir, dass mehr Leute kommen.

Aus aktuellem Anlass Thema Flüchtlingskrise und radikalisierender Islam: Wie weit darf Glaube gehen?

Fundamentalismus und Extremismus sind einfach nie gut. Grundsätzlich soll Glaube etwas sein, das dem einzelnen Menschen einen Sinn gibt, ihn bereichert und Kraft gibt. Aber wenn etwas extrem wird, dann ist das nicht im Sinne des Erfinders. Ein Leitsatz in meinem Leben und in meinem Glauben ist aus der Regel des heiligen Benedikt: Wer aber im klösterlichen Leben und im Glauben fortschreitet, dem wird das Herz weit und er läuft in unsagbarem Glück der Liebe den Weg der Gebote Gottes. Weites Herz, Glück und Liebe. So soll Glaube sein.

Konsumentenzeitung Lust aufs Land, 15.03.2016

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