AllgemeinGenau geschaut

Fleisch aus dem Labor

Künstliches Fleisch aus dem Labor ist längst keine Science-Fiction mehr. Lust aufs Land hat genau geschaut, wie die Produktion im Vergleich zu natürlichem Fleisch abschneidet.

Es ist elf Jahre her, dass ein Wissenschafter von der Universität im niederländischen Maastricht den weltweit ersten Burger aus dem Labor medienwirksam der Öffentlichkeit präsentiert und verspeist hat. Damaliger Kostenpunkt: 250.000 Euro. Mittlerweile ist die Forschung auf dem Weg zum Kunstfleisch schon viel weiter und die Zulassung weltweit auf dem Vormarsch. In Singapur und den USA wird Laborfleisch bereits in ausgewählten Restaurants zum Verzehr angeboten. Auch Israel hat die Produktion und den Verkauf schon im Vorjahr zugelassen. In den Niederlanden finden bereits erste Verkostungen unter kontrollierten Bedingungen statt. Während in der Schweiz vergangenen Sommer erstmals in Europa ein Antrag zur Zulassung von künstlich erzeugten Fleischimitaten im Labor gestellt wurde, hat ein deutsches Zellkulturunternehmen als erstes Unternehmen offiziell bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) um Prüfung eines Laborfleisch-Produktes angesucht. Es ist also nur noch eine Frage der Zeit, bis das sogenannte „In-vitro-Fleisch“, das dem Namen nach im Reagenzglas hergestellt wird, auch auf unseren Tellern landen wird.

Herstellung wirft ethische und ökologische Fragen auf

Unter künstlich erzeugten Fleischimitaten bzw. Laborfleisch versteht man Methoden zur gezielten, künstlichen Züchtung von Fleisch über Stammzellenvermehrung in Nährlösungen, die im Labor gewonnen werden (Details siehe Grafiken). Die Entwickler dieser Produkte werben mit drei Argumenten: Ernährungssicherheit, weniger Treibhausgase und kein Tierleid. So lauten jedenfalls die Versprechen. Doch kann künstlich erzeugtes Fleisch aus dem Labor all diese Erwartungen erfüllen? Immerhin werden die Imitate als Alternative zu natürlichem Fleisch betrachtet und als Lösungsmöglichkeit gesehen, den Hunger auf der Welt zu stillen.

Der Verein „Wirtschaften am Land“ ist diesen Versprechen auf den Grund gegangen.  Die Herstellung werfe demnach jedenfalls ethische, ökologische und soziale Fragen auf. Denn für eine effiziente Produktion brauche es „fötales Kälberserum“. Dabei muss eine trächtige Kuh geschlachtet und der Fötus aus der Gebärmutter geschnitten werden. Aus dessen noch schlagenden Herzen wird Blut abgesaugt, bis der Fötus stirbt. Dieser Gewinnungsprozess entspricht laut herrschender Meinung der Wissenschaft nicht den Tierschutzstandards und stelle demnach hohe Krankheitsrisiken dar.  

Studien belegen: Produktion ist klimaschädlicher

Die Differenzierung der Zellhaufen erfolgt in sogenannten „Bioreaktoren“, einer künstlichen Umgebung, die nur mit einem hohen Energieaufwand möglich ist. Da ein Fleischimitat aus dem Labor im Vergleich zu einem Tier weder Haut noch Immunsystem besitzt, ist der präventive Einsatz von Antibiotika im Gegensatz zur natürlichen Tierhaltung eine Notwendigkeit, um sichere und sterile Umstände gewährleisten zu können. Die Hersteller werben unter anderem mit dem Begriff „Clean Meat“ (übersetzt: „sauberes Fleisch“), obwohl derzeit der Einsatz hormoneller Mittel und Antibiotika notwendig ist. Damit bestehe die Gefahr, Hormonfleisch in der EU durch die Hintertür wieder zu erlauben.

Zudem müssen bei Fleischimitaten natürliche Funktionen wichtiger Organe durch externe Energiequellen kompensiert werden. Studien der amerikanischen Universität Oxford weisen darauf hin, dass die Produktion von Laborfleisch klimaschädlicher und weniger ressourceneffizient ist als natürliches Fleisch. Bestätigt wird dies durch eine weitere Studie der Universität von Kalifornien in Davis, wonach der Energiebedarf von Laborfleisch bis zu 25-mal mehr CO2-Äquivalente pro Kilo Fleisch freisetzt wie Produkte aus der Tierhaltung. 

Klare Kennzeichnung soll vor Täuschung schützen

„Das Thema kommt mit einer rasanten Geschwindigkeit auf uns zu. Laborfleisch aus der Fabrik, das unter sterilen Bedingungen mit vielen künstlichen Zusätzen und Energie hergestellt wird, hat mit natürlichem Fleisch nichts zu tun. Hier werden Inhaltsstoffe und Methoden eingesetzt, deren Auswirkungen auf Mensch, Tier und Umwelt noch niemand gänzlich kennt und daher genauestens untersucht werden müssen“, sieht Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig die Entwicklung kritisch. Aus diesem Grund hat er bereits eine breite Diskussion, Transparenz sowie eine Folgenabschätzung auf EU-Ebene eingefordert. Verlangt werden wissenschaftsbasierte Antworten, welche Auswirkungen Fleischimitate auf die heimischen Wertschöpfungsketten, Kulturlandschaften sowie das Klima und die Umwelt haben. Laborfleisch brauche im Falle einer Marktzulassung jedenfalls eine klare Kennzeichnung, damit Konsumenten erkennen können, ob es sich um künstliches Zellgewebe aus dem Labor oder um ein natürliches Lebensmittel handelt.

Bauern, Verarbeiter und Tourismus wären betroffen

Auch der Verein „Land schafft Leben“ sieht aktuell keinen Mehrwert von Laborfleisch: „Tagtäglich wird gefordert, die Lebensmittelproduktion nachhaltiger und klimaeffizienter zu gestalten. Da erschließt sich mir die Logik nicht, mit Laborfleisch ein Ersatzprodukt einzuführen, dessen Produktion um ein Vielfaches ressourcenintensiver ist als jene von Fleisch. Wir haben in Österreich die Möglichkeit, tierische Produkte verhältnismäßig klimafreundlich herzustellen. Meiner Ansicht nach sollten wir uns also lieber darauf konzentrieren, unsere eigene Landwirtschaft in Sachen Nachhaltigkeit weiter zu optimieren, als uns ein weiteres künstliches, multinationales Produkt in die Regale zu holen, dessen Produktion wir nicht beeinflussen können“, betont Obmann Hannes Royer. Er befürchtet zudem, dass sich die Marktmechanismen, die eine Einführung von Laborfleisch auf seinem jetzigen Entwicklungsstand bewirken könnten, negativ auf die Kreislaufwirtschaft auswirken: „Wir haben ohnehin schon das Problem, dass die Konsumenten fast nur die Edelteile eines Tieres essen. Zusätzlich werden Teile als Faschiertes verkauft. Wenn wir das Faschierte jetzt durch Faschiertes aus Laborfleisch ersetzen, bewirkt das nicht, wie oft vermutet, dass weniger Tiere gehalten werden, sondern nur, dass wir weniger von einem Tier verwerten können. Und das wäre meiner Meinung nach ein Schritt in die völlig falsche Richtung.“ 

Wer auf künstliche Produkte wie Laborfleisch setzt, begebe sich laut dem Verein „Wirtschaften am Land“ zudem in die Abhängigkeit einer internationalen Lebensmittelindustrie, wo Großkonzerne bestimmen, was auf den Teller kommt. Neben tierhaltenden Landwirtschaftsbetrieben würden auch Arbeitsplätze in Verarbeitungs- und Handelsbetrieben verloren gehen. Letztendlich sei auch der Tourismus davon betroffen, da Regionen ohne die nötige Pflege der Kulturlandschaft durch die Bäuerinnen und Bauern an Attraktivität und Wertschöpfung verlieren würden.

Bildquellen

  • Infografik_So-entsteht-Laborfleisch_c-BML: BML
  • Meat sample in open disposable plastic cell culture dish in mod: Tilialucida - stock.adobe.com