Wo sind die guten Puten?

GENAU GESCHAUT. In den Regalen von Großhändlern sowie auf den Tellern der Gastronomie gibt es kaum heimisches Putenfleisch. Und das, obwohl die Tiere in Österreich unter den EU-weit höchsten Tierwohl-Standards gehalten werden.

Nicht einmal jede zehnte Putenbrust im Großhandel kommt aus Österreich. Zudem weist die Kennzeichnung im Regal starke Mängel auf. So lautet das erschreckende Ergebnis eines Regionalitäts-Tests von Putenfleisch, der im November 2022 österreichweit vom Verein „Wirtschaften am Land“ sowohl im Lebensmitteleinzelhandel als auch im Großhandel durchgeführt wurde. In Summe wurden dabei 447 Putenprodukte genau unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse sind ernüchternd, ganz besonders bei den Produkten, die im Großhandel erhältlich sind: 92 Prozent (%) des dort angebotenen Putenfleisches kommen aus Polen, Ungarn, Slowakai, Italien, Frankreich oder dem Nicht-EU-Ausland. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass im Frischfleisch-Bereich lediglich acht Prozent des Sortiments aus Österreich stammen. 

„Lust aufs Land“ hat sich Mitte März im Lebensmittel-Großhandel in Oberösterreich stichprobenartig ebenso auf die Suche nach heimischem Putenfleisch begeben. Dabei konnte kein einziges Produkt mit österreichischer Herkunft im Regal gefunden werden. Fazit: Selbst wenn man bewusst heimisches Putenfleisch kaufen möchte, ist es nicht gewiss, dass man auch eines bekommt. 

Zudem sei bei dem bundesweiten Regionalitäts-Check die Herkunft bei mehr als 40 % der Produkte überhaupt nicht ersichtlich gewesen, speziell im Online-Handel. Noch drastischer stellt sich das Ergebnis bei verarbeiteten Produkten dar: Bei vier von fünf Lebensmitteln bleiben die Konsumenten über die Herkunft des darin enthaltenen Putenfleisches völlig im Unklaren. 

Deutlich besser waren dagegen die Ergebnisse im Lebensmitteleinzelhandel. Von den 151 dort überprüften Frischfleisch-Produkten stammten immerhin knapp 60 % aus Österreich, bei nur zwölf Prozent sei die Herkunft unklar gewesen. 

Der Regionalitäts-Check zeigt klar auf, dass derzeit das inländisch produzierte Putenfleisch vor allem bei jenen Handelsketten landet, die aktiv auf den Verkauf von heimischem Fleisch setzen. Beim Außer-Haus-Konsum isst man hingegen nahezu nur ausländische Pute. „Lust aufs Land“ hat daher wieder einmal genau geschaut und wollte wissen, warum es so wenig gute Puten österreichischer Herkunft im Regal bzw. auf den Tellern der Gastronomie gibt.

Österreich hat EU-weit die höchsten Tierwohl-Standards

Die Haltung von Puten unterliegt in Österreich den derzeit EU-weit höchsten Tierwohl-Standards und ist hierzulande mit strengen Gesetzen reguliert: Neben Einstreu, Futter und Stallklima ist vor allem auch die Besatzdichte, sprich der Platz, den jedes Tier zur Verfügung hat, vorgegeben. Weltweit ist die Putenhaltung nur in Schweden und in der Schweiz ähnlich streng geregelt. Die Regulierungen ermöglichen mehr Tiergesundheit, indem sie eine überbordende Anzahl Puten pro Stall verhindern. Damit wird dem Wunsch vieler Konsumenten nach mehr Tierwohl Rechnung getragen, doch hat diese Entwicklung eben auch gegenteilige Auswirkungen. 

Der Grund dafür ist eine einfache Rechnung: Während ein österreichischer Putenbauer laut Gesetz auf einem Quadratmeter maximal 40 Ki­logramm Pute – das entspricht etwa zwei ausgewachsenen männlichen Tieren – halten darf, sind im europäischen Vergleich durchschnittlich 60 bis 70 Kilogramm pro Quadratmeter üblich. „Das muss man sich erst einmal vorstellen. So schwer sind drei bis vier ausgewachsene männliche Puten. Da können sich die Tiere kaum mehr drehen“, erklärt Hannes Royer, Obmann des Vereins „Land schafft Leben“.

Da die Besatzdichte in der Putenhaltung auf EU-Ebene nicht gesetzlich geregelt ist, stehen in den meisten Ställen Europas also eineinhalbmal bis doppelt so viele Tiere wie in österreichischen Putenställen. Für die heimischen Bäuerinnen und Bauern bedeutet das weitaus höhere Kosten pro Tier, für die Konsumenten einen dementsprechend höheren Preis. Die inländische Putenproduktion steht also unter hohem ökonomischem Druck. Dies spiegelt sich auch am niedrigen Selbstversorgungsgrad von lediglich 44 % wider.

„Der Markt für Putenprodukte mit so hohen Qualitätsstandards ist derzeit sehr schwierig, da zu all dem auch noch die Teuerungswelle die Konsumenten zu Billigprodukten greifen lässt. Wenn einem Herkunft und Tierwohl wichtig sind, dann sollte man jedenfalls Produkte mit AMA-Gütesiegel kaufen, womit der höchste Standard in der EU garantiert ist“, erklärt Karl Feichtinger, Geschäftsführer der Wech-Truthahnverarbeitung, Österreichs einzigem Produzenten von AMA-Putenprodukten.

„Die österreichische Pute ist ein Erfolgs­modell, das am freien Markt allerdings Schwierigkeiten hat.“

Michaela Langer-Weninger, Agrarlandesrätin & Bauernbund-Obfrau

Putenstreifensalat: Mit heimischem Fleisch nur einen Euro teurer

Durch den großen Preisunterschied liegt für viele Konsumenten aber der Griff zur ausländischen Pute nahe. So wird weit mehr als die Hälfte des gesamten Bedarfs an konventionellem Putenfleisch in Österreich mit ausländischer Ware gedeckt – und damit das Leid der Tiere in diesen Ländern gefördert, die unter weitaus schlechteren Bedingungen gehalten werden. Dies spiegelt sich vor allem im Außer-Haus-Verzehr wider, wo die Hälfte des Putenfleisches in Österreich konsumiert wird: Nur ein Bruchteil des Putenfleisches, das in der öffentlichen Beschaffung, in Großküchen und in der Gastronomie bestellt wird, kommt aus Österreich. Der Anteil des importierten Putenfleisches beläuft sich hier laut Branchenschätzungen auf etwa 95 %.

„Die Pute ist der beste Beweis dafür, wie notwendig eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung für die Gastronomie ist“, betonte Robert Wieser, Obmann der ARGE Pute, im Land-schafft-Leben-Podcast „Wer nichts weiß, muss alles essen“. Denn wer im Gasthaus „Putenstreifen auf Blattsalat“ bestellt, könne fast sicher sein, dass das Fleisch dafür aus schlechteren Haltungsbedingungen stammt. Das laut Wieser Paradoxe daran: „Putenfleisch, das nach Österreich importiert wird, dürfte unter diesen Bedingungen hier nicht einmal produziert werden.“

Dass Regionalität kein erschwerender Kostenfaktor sein muss, zeigt ein Rechenbeispiel anhand des Regionalitäts-Checks von „Wirtschaften am Land“: Bei einem Putenstreifensalat ist eine Portion österreichisches Putenfleisch im Großhandel nur etwas mehr als einen Euro teurer als eine Portion ausländisches Putenfleisch. „Dieser Euro ist aber gut investiert: in mehr Tierwohl, gentechnikfreie Fütterung und höhere Tiergesundheit“, betont Markus Lukas, Obmann der Geflügelwirtschaft Österreich.

Image Putenfleisch
Konsumenten assoziieren Truthahnfleisch mit fettarm und gesund, oft aber auch noch mit hohem Antibiotikaeinsatz. Dabei hat sich das Blatt längst gewendet und in Österreich der Einsatz von Antibiotika in den vergangenen Jahren um mehr als die Hälfte reduziert. Vermehrt wird nun mit Kräuterextrakten, Pro- und Präbiotika gearbeitet. Das einstige Image wird der heutigen Praxis nicht mehr gerecht. 

Brüterei, Mast & Schlachtung
In Frankenburg im Bezirk Vöcklabruck befindet sich Österreichs einzige Putenbrüterei. Von dort werden die Küken innerhalb von 12 bis 36 Stunden nach dem Schlüpfen in klimatisierten Lkw zu den Mastbetrieben gebracht. Weibliche Tiere werden 15 Wochen gefüttert und mit einem Gewicht von etwa zehn Kilogramm geschlachtet, männliche Tiere 20 Wochen (circa 20 Kilogramm). Hauptfuttermittel sind Weizen, Mais und Soja – hierzulande ausschließlich in gentechnikfreier Form. In Österreich gibt es mit der Firma Wech in Kärnten nur noch einen großen Schlacht- und Zerlegebetriebe, daneben viele kleinere Hofschlachter und Direktvermarkter.

Es braucht Transparenz im Regal und auf dem Teller

Agrarlandesrätin und Bauernbund-Landesobfrau Michaela Langer-Weninger sieht die österreichische Pute als „Erfolgsmodell“, das am freien Markt allerdings Schwierigkeiten habe: „Wir brauchen Transparenz im Regal und auch auf dem Teller. Die Menschen haben ein Recht darauf zu wissen, woher das Putenfleisch kommt, das sie essen. Außerdem braucht es EU-weit einheitliche Haltungsstandards. Ich fordere für Putenfleisch aus dem EU-Ausland, das in Österreich verkauft wird, dieselben Qualitätsmerkmale wie für österreichisches Putenfleisch. Nur so können wir die Ansprüche der Gesellschaft erfüllen, faire Preise für die klein strukturierte heimische Landwirtschaft erzielen und langfristig für Nachhaltigkeit und Tierwohl im Putenbereich sorgen“, so Langer-Weninger.

In dieselbe Kerbe schlägt auch Royer: „Wenn wir ausländisches Putenfleisch aus dem Regal nehmen, wird auch genau jenes nachgeschlichtet. Am Ende des Tages muss uns bewusst sein, dass wir bei einem ausländischen Putenfilet aber alles andere als Tierwohl auf unserem Teller haben. Wir sollten uns daher fragen, welche Produktionsbedingungen wir mit unserem Kauf unterstützen möchten. Die österreichische Pute ist zwar teurer, aber der Kauf ist ein klares Bekenntnis zu mehr Tierwohl. Und wer für mehr Tierwohl plädiert, sollte dann auch bereit sein, mehr dafür zu bezahlen“, erklärt Royer, der Konsumenten dazu rät im Gasthaus bezüglich der Herkunft nachzufragen und beim Einkauf das Packerl umzudrehen.

Putenproduktion in Oberösterreich
An die 450.000 Truthühner werden pro Jahr in Oberösterreich aufgezogen. Gemästet werden sowohl weibliche (Truthennen) als auch männliche Tiere (Truthähne), beim Endprodukt Fleisch wird nicht mehr nach Geschlecht unterschieden. Neben ungefähr 50 kleineren bis mittleren Direktvermarktern gibt es in Oberösterreich 35 Mastbetriebe, die Mitglied bei der Österreichischen Qualitätsgeflügelvereinigung sind. Im Schnitt hat jeder von ihnen gut 5000 Mastplätze. Ein Wert, der sich im internationalen Vergleich sehr bescheiden ausnimmt: Betriebe mit zigtausenden Tieren sind in anderen Ländern keine Seltenheit, Industriebetriebe in Osteuropa haben an einem Standort oft hunderttausende Mastplätze. 

Bildquellen

  • pute-grafik2: Lust aufs Land
  • Putenfleisch: Africa Studio - stock.adobe.com