Mut zur Unordnung
Für mehr Biodiversität zu sorgen ist nicht nur Aufgabe von Landwirten: So wird jeder Hausgarten naturnah und damit zum Paradies für bestäubende Insekten.
Der eigene Garten ist mehr als ein Ort der Erholung. Er trägt auch zum Erhalt der Artenvielfalt bei. So wie Konsumenten von der Landwirtschaft erwarten, Flächen biodiverser zu gestalten, sollte auch jeder Gartenbesitzer das Potenzial des eigenen Fleckchens Grün erkennen. Oft bleibt dieses allerdings ungenutzt: Englischer Rasen, Schotterflächen oder monotone Hecken aus Thujen und Kirschlorbeer bieten der heimischen Tierwelt wenig Lebensraum. „Wir verlangen von Bäuerinnen und Bauern mehr Einsatz für Biodiversität, während wir unsere Gärten in sterile Grünflächen verwandeln, wo kein einziges Gänseblümchen mehr wachsen darf“, bringt es Maria Fanninger von „Land schafft Leben“ auf den Punkt.
Rund 40 Prozent der österreichischen Haushalte verfügen laut Statistik Austria über einen eigenen Garten. Wird dieser naturnah gestaltet, können insbesondere bestäubende Insekten davon profitieren.
Bestäuber sichern Ökosystem
Beim Thema Bestäubung denken viele zunächst an die Honigbiene. Doch die heimische Natur hat weit mehr zu bieten: Eine Vielzahl unterschiedlicher Insekten trägt dazu bei, Pflanzen zu bestäuben und damit die biologische Vielfalt und Stabilität von Ökosystemen zu erhalten. So sind in Österreich neben der Honigbiene etwa 700 Wildbienenarten bekannt. Sie sind nicht nur auf ausreichend Pollen und Nektar angewiesen, sondern benötigen auch geeignete Nistplätze. „Sie legen ihre Nester im Boden, in Totholz oder in abgestorbenen Pflanzenstängeln an“, erläuterte Sabine Schoder von der Universität für Bodenkultur Wien kürzlich bei einer Tagung über zukunftsfähige Lebensräume für Bestäuber in Linz. Rund ein Drittel der Wildbienenarten sei zudem auf bestimmte Pflanzenarten spezialisiert.
Es geht um Lebensmittelvielfalt
„Wildbienen zählen zu den wichtigsten Bestäubern überhaupt“, betont auch Maria Fanninger. Sie verweist darauf, wie eng Bienensterben und Lebensmittelproduktion zusammenhängen. „Ohne Insekten wie Bienen, die zum Beispiel Apfelblüten bestäuben, wachsen keine Äpfel. Wenn die Artenvielfalt verschwindet, verlieren wir langfristig auch unsere Lebensmittelvielfalt. Biodiversität ist kein reines Naturschutzthema. Sie ist die Grundlage unserer Lebensmittelversorgung.“
Käfer, Wespen und Fliegen
Nicht nur Bienen und Hummeln sind als Bestäuber unterwegs. Auch Schmetterlinge, verschiedene Käfer, Wespen und Fliegen leisten ihren Beitrag. Schmetterlinge können Pollen im Gegensatz zu Bienen zwar nicht sammeln und verwerten, sind aber hervorragende Nektarsammler. Mit ihrem langen Rüssel erreichen sie auch tiefe, enge Blütenröhren, die für andere Insekten kaum zugänglich sind. Zu den typischen Schmet-terlingsblumen zählen etwa Nelken, Phlox und Sommerflieder. Auch für Nachtfalter hält die Natur passende Nahrungsquellen bereit. Nachtkerze und Wunderblume öffnen ihre Blüten erst am Abend und verströmen auch nachts einen intensiven Duft.
Andere Pflanzen setzen weniger auf Nektar als auf Pollen. Rosen, Mohn oder Clematis bilden große Mengen davon und besitzen offene Blüten, die auch Insekten mit kurzem oder ohne Rüssel zugänglich sind. Neben Schweb- und Florfliegen sind hier vor allem Käfer anzutreffen.
Nicht jede Blüte ist ein Buffet
Was das menschliche Auge erfreut, muss für hungrige Insekten noch lange kein Ge-winn sein. Die Züchtung von Gartenpflanzen hat immer größere und auffälligere Blüten hervorgebracht. Doch bei vielen gefüllten Blüten sind die Staubblätter in zusätzliche Blütenblätter umgewandelt – Pollen und Nektar sind für Insekten dadurch teilweise nicht mehr zugänglich. Beispiel Ro-senkäfer: Auf Wildrosen findet er reichlich Pollen und trägt dabei zur Bestäubung bei. Bei gefüllten Zuchtrosen wird er hingegen zum „Lästling“, weil er mangels Pollen die Blütenblätter frisst.
Drei einfache Maßnahmen
Was lässt sich im Hausgarten mit wenig Aufwand für mehr Artenvielfalt tun? Elena Mannsbart vom OÖ Gartentelefon nennt drei besonders einfache Maßnahmen. Erstens: ein „totes Eck“ im Garten. „In einem ruhigen, halbschattigen Bereich mit etwas Holz und ein paar Steinen für die wärmeliebenden Tiere“, empfiehlt Mannsbart. Dieser Bereich sollte möglichst das ganze Jahr über unberührt bleiben. Eine kleine Wasserschale kann das Angebot ergänzen.
Zweitens: Im Herbst nicht alles zurückschneiden. „Strukturen über den Winter stehen lassen, auch wenn es vielleicht nicht so schön aussieht“, rät Mannsbart. Verblühte Pflanzenstängel und Samenstände bieten Insekten und anderen Tieren Futter- und Versteckmöglichkeiten. Und drittens: Abschied vom Englischen Rasen. Statt einer kurz geschorenen, artenarmen Rasenfläche empfiehlt Mannsbart einen Kräuterrasen. „Das braucht weniger Wasser und weniger Pflege.“ Die Umwandlung kann sich nach und nach von selbst entwickeln oder mit einer geeigneten Saatgutmischung unterstützt werden.
Zusammengefasst lautet das Motto: Mut zur Unordnung. Denn was im Garten für den Menschen vielleicht ungepflegt aussieht, kann für Insekten und andere Tiere ein wertvoller Lebensraum sein.
Jeder Quadratmeter zählt
Ob großer Garten oder kleines Grundstück: Jeder Quadratmeter zählt. Eine bewusste Pflanzenauswahl, bei der man heimischen Arten den Vorzug gegenüber Exoten gibt, kombiniert mit etwas Mut zur Natürlichkeit, kann überall wertvollen Lebensraum schaffen. So wird der Hausgarten nicht nur zur persönlichen Wohlfühloase, sondern auch zu einem wichtigen Baustein im Netzwerk naturnaher Flächen – und damit zu einem kleinen, aber wirkungsvollen Beitrag für die Biodiversität.
Einige Tipps, wie man mehr Arten in den Garten bekommt.
Insektenfreundliche Hecken
Heimisches Gehölz wie Roter Hartriegel, Liguster, Schneeball, Feldahorn oder Hainbuche bieten sich an.
Vielfalt säen
Ein betretbarer Blumenrasen mit unterschiedlichen Arten ist ökologisch wertvoller als ein Rasen, der nur aus Gräsern besteht.
Unkraut liegt im Auge des Betrachters
Viele Schmetterlingsarten benötigen Brennnesseln, um zu überleben, daher haben diese und andere Wildkräuter im Natur-Garten ihre Berechtigung.
Düngen mit der Natur
Brennnessel-Jauche, Kompost oder Kräuterauszüge wirken als natürlicher Pflanzenschutz und verderben den Insekten nicht den Appetit.
Lichtverschmutzung eindämmen
Fassaden- oder Gartenbeleuchtungen bringen Milliarden Insekten nachts den Tod.
Naturnah im Herbst
Laub unter die Büsche und zu den Bäumen kehren, um Schutzhäufchen für Insekten zu bilden. Auch ein Insektenhotel bietet Nützlingen Unterschlupf.
Wildes Eck
Insekten lieben Totholz und verwilderte Blütensträucher, die ihnen Nahrung und Platz für die Brut bieten.
Quelle: Bio Austria
Bildquellen
- HB_8_Garten3: JM Soedher, Aliona, Soho A studio, K.-U. Häßler- Adobe.Stock
