Essen aus der Trickkiste

LEBENSMITTEL – Es ist nicht immer drin, was draufsteht: Wer sich kritisch mit dem Angebot im Supermarkt auseinandersetzt, kommt früher oder später zu diesem Schluss. Trotz verpflichtender Kennzeichnung bleibt genug Spielraum für Kreativität.

Lebensmittelproduzenten sind kreativ, wenn es darum geht, Konsumenten zum Kaufen zu bringen. Wer suggeriert bekommt, etwas Gesundes, Leichtes oder besonders Schmackhaftes zu erstehen, trifft rasch eine Kaufentscheidung, wenn er genau auf diese Gefühle anspricht. Bilder von frischem Obst, ein Bauernhof neben dem Schnitzerl oder der Verweis auf traditionelle Rezepturen: Werbe-Profis wissen, wo sie den Hebel ansetzen müssen.

Nach den gültigen Vorschriften zur Lebensmittelkennzeichnung müssen alle Bestandteile eines Lebensmittels nach absteigendem Mengenanteil aufgelistet werden, auch die Nährwertinformationen sind verpflichtend anzugeben. Das wird auch gemacht. „Die Unterschiede zwischen Bebilderung oder Bewerbung und den tatsächlichen Inhaltsstoffen bleiben aber. Dem Konsumenten bleibt es nicht aus, alles zu lesen“, sagt Ulrike Weiß, Leiterin der Konsumentenschutzabteilung der Arbeiterkammer OÖ.

Ein Teelöffel Saftkonzentrat im Obstkuchen

Gerne wird etwa mit prallen Früchten auf der Verpackung geworben, zum Beispiel bei Fruchtschnitten, Smoothies, Müsli oder Konditoreiwaren. Frisches Obst suggeriert Qualität, köstlichen Geschmack, gesunde Ernährung. Beispiel Kuchen: Wer rechnet damit, dass im „Erdbeer-Rhabarber“-Kuchen keine Obststücke enthalten sind, sondern nur Fruchtsaftkonzentrate in Kleinstmengen? Nur 1,4 Prozent Konzentrat aus Erdbeere und Rhabarber sind im Teig. Eine Menge, die sich im 350-Gramm-Kuchen mit dem Fingerhut dosieren lässt. Für die Farbe sorgt Rote-Bete-Saftkonzentrat, Aromen machen den Geschmack.

Auch am Beispiel einer Fruchtschnitte zeigt sich, dass Heidelbeeren und Brombeeren im Großformat nicht daran hindern, die Rezeptur nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu gestalten. Getrocknete Apfelstücke, Rosinen, Apfelsaftkonzentrat und getrocknete Dattelstücke führen die Zutatenliste an, „Heidelbeererzeugnis“ und Brombeerfruchtpulver bringen es nicht einmal auf einen Hundertstel-Anteil. Spätestens beim Blick auf die Nährwerte verfliegt der Gedanke an eine gesunde Zwischenmahlzeit: Jeder zweite Bissen ist aus Zucker. Ein gutes Geschäft lässt sich auch mit Figur und Fitness machen. Das Wort „Fitness“ auf Frühstücksflocken, eine wohlproportionierten Frauenfigur – die Idee für einen kulinarisch perfekten Start in den Tag ist da. Tatsächlich verrät die Nährwerttabelle, dass jeder fünfte Löffel aus purem Zucker ist.

Lebensmittel machen nicht gesünder und schöner

„Ein Lebensmittel macht nicht gesünder oder schöner“, betont Martin Greßl, Leiter des Qualitätsmanagements der AMA. Seit Dezember 2012 gibt es eine EU-Verordnung, in der gesundheits-
bezogene Angaben zu Lebensmitteln („Health Claims“) streng geregelt sind. „Wenn es um Kinderprodukte geht und Eltern suggeriert wird, dass etwas besonders wertvoll sei, versuchen wir mit Tests und Produktvergleichen aufzuklären“, sagt Konsumentenschützerin Weiß. Jüngste Erhebungen zeigten, dass für die Kleinen beworbene Breie, Kekse und Trinkpackungen in den wenigsten Fällen empfehlenswert sind.

Ulrike Weiß sieht auch viele Verpackungen kritisch: „Das größte Problem gibt es bei Kartonverpackungen, wo der Kunde nicht erkennen kann, wie viel Inhalt wirklich drin ist.“ In anderen Ländern gebe es zumindest Richtwerte, wieviel „Luft“ enthalten sein darf. „In Österreich gibt es sehr wenig rechtliche Handhabe“, so Weiß.

Aber zurück zu den Zutaten – und einem Käse, der „Karriere“ gemacht hat. Der sogenannte Analogkäse verursachte vor Jahren noch einen medialen Aufschrei. Das dürfte im Konsumenten-
Gedächtnis vergessen sein. Wie sonst lässt es sich erklären, dass das einst als Schummelkäse entlarvte Imitat heute seinen Fixplatz als veganer Käseersatz hat und in der Veggie-Abteilung in jedem größeren Supermarkt das Angebot bereichert? Als Käse darf er nicht bezeichnet werden. Damit hat er dem veganen Fleischersatz etwas voraus. Denn Bratwürstel, Leberkäse oder Frankfurter dürfen sich auch in der Variante ohne Fleisch noch so nennen. „Die Bezeichnungen von konventionellen Produkten zu verwenden finde ich falsch“, betont Martin Greßl von der AMA. „Konsumenten sollten bedenken, dass sich diese Imitate nur mit extrem vielen Zusatzstoffen herstellen lassen“, so Greßl. Apropos Imitat: Greßl hat auch den „Sprühtopping“ genannten Schlag­obersersatz im Visier: „Das schaut auf den ersten Blick aus wie Obers, ist aber ein reines Kunstprodukt, das mit Milch nichts zu tun hat.“

Fleisch in eine appetitliche Form gepresst

„Formfleisch“ wird aus kleinen Fleischbrocken hergestellt, die gepresst werden und sich durch ausgetretenes und wieder gerinnendes Eiweiß zu größeren, scheinbar natürlich gewachsenen Fleischstücken verbinden. Die Lebensmittelinformationsverordnung verpflichtet zum Kennzeichnen. Allerdings kann die Kleinschrift auf der Rückseite das Bild auf der Vorderseite schnell übertrumpfen. Ein Beispiel: Das „Hendl à la Cordon Bleu“ macht auf dem „Serviervorschlag“ vorne Gusto auf ein paniertes Hühnerschnitzel mit Füllung. Daneben die skizzierte Almhütte vor Gebirgshintergrund – etwa das Zuhause des Hendls zu glücklichen Lebzeiten? Erst bei genauem Lesen auf der Rückseite offenbart sich der wahre Inhalt: „… aus fein zerkleinertem Hähnchenfleisch, flüssig gewürzt, gefüllt mit Käse und Formfleisch-Putenkochschinken aus Fleisch­stücken zusammengefügt …“ heißt es da. Mahlzeit. Klar, sich bei dem niedrigen Preis Qualität zu erwarten  ist ein Fehler. Die alte Weisheit „Probieren geht über Studieren“ sollte beim Essen aber umgedreht werden: Oft zeigt sich erst nach dem Studium des Kleingedruckten, ob man das Produkt überhaupt verzehren will.

Konsumentenzeitung, 13.06.2017

Bildquellen

  • Supermarkt: Fotolia - KORTA

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